Buga-Kunst als Anregung gefragt

Kuratorin Dr. Anne Marie Freybourg (l.) führte gestern selbst Besucher  durch die Buga und erläuterte u. a. das Objekt 'par terre'.
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Kuratorin Dr. Anne Marie Freybourg (l.) führte gestern selbst Besucher durch die Buga und erläuterte u. a. das Objekt "par terre".

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24. Juli 2009, 08:52 Uhr

Ostorf | "Haben Sie auch Eis?" Jeder zweite Besucher des kleinen Pavillons von Kirsten Johannsen nahe der Schlossdrehbrücke stellt der Künstlerin diese Frage. Doch sie hat kein Eis, auch keine Getränke oder Info-Broschüren der Gartenschau, sondern nur Anleitungen zum Paradiesbau - "constructing paradise" nennt sie ihr Kunstprojekt.

"So ist das Leben", sagt Ausstellungskuratorin Dr. Anne Marie Freybourg. "Dieser Auseinandersetzung muss sich Kunst im öffentlichen Raum immer stellen." Und das funktioniert. Denn bei den Menschenmassen, die tagtäglich über die Buga strömen - in wenigen Tagen wird der Millionste Besucher erwartet - erreicht Kirsten Johannsen mit ihrem Projekt eine große Zahl von Interessenten. "Das Paradies ist ein ewiger Menschheitstraum und jeder träumt ihn anders. Ich wollte auf der Bundesgartenschau ganz bewusst keinen Garten Eden, sondern Inspiration und Anleitung für den Bau eines ganz persönlichen Paradieses geben", erklärt Johannsen. Sehnsucht nach dem Mond und den Sternen, nach dem Inselparadies, für jeden Traum hat sie Requisiten, Ideen und Anleitungen zu bieten.

"Der Reiz dieser Bundesgartenschau aus dem Blickwinkel ihrer künstlerischen Begleitung liegt darin, dass hier keine Monumente für die Ewigkeit hingesetzt wurden, sondern temporäre Kunstwerke", sagt die Kuratorin. "Es war von vornherein klar, dass die Objekte nur eine begrenzte Zeit dort stehen werden. Das ist für jeden Künstler eine große Herausforderung, bietet aber auch die schöne Möglichkeit des Experimentierens. Und das wiederum ist für einen zeitgenössischen Künstler ungeheuer wichtig", erklärt Dr. Anne Marie Freybourg.

Dieses Ausprobieren und Experimentieren findet sich in allen Kunstprojekten wieder. Andreas Oldörp beispielsweise spielt mit dem Gehör. Sein Material ist der Klang. Er hat für sein "par terre" im Garten des 21. Jahrhunderts neun goldfarbene Orgelpfeifen im Boden versenkt, die wie aus einem Myzel emporwachsen und durch ihre unterschiedliche Größe auch unterschiedliche Klänge im Wind produzieren. "Es entsteht ein Klanggewebe, das sich vom Plätschern der Wellen an der Kaikante und dem Rauschen der Gräser des modernen Gartens abhebt und im Dauerton doch verbindet", beschreibt Monika Busse, die Buga-Besucher zu den Kunstwerken führt.

Mit dem Element Ton arbeitet auch die Installation "Rose ist eine Rose" von Andreas Sachsenmaier. Der Schweriner hat auf der Liebesinsel im Burggarten, auf der keine einzige Rose zu finden ist, klanglich Rosen angesiedelt. Aus sechs kleinen Lautsprechern erklingen zeitgleich oder zeitlich versetzt Beschreibungen von markanten Rosenarten. Das informative Gemisch aus botanischem Fachvokabular und populärwissenschaftlichen Erklärungen aus fünf Jahrhunderten, von schönen Frauenstimmen theatralisch vorgetragen, lässt auf dieser ruhigen Insel im Buga-Getümmel imaginär Rosen erscheinen, wo gar keine Rosen sind. "Diese Imagination anzuschieben, ist dem Künstler gelungen", sagt Kuratorin Freybourg fasziniert.

Das Urteil kann sie auf alle künstlerischen Arbeiten ausdehnen. Alle regen an, alle liefern Inspiration und Stoff für Auseinandersetzungen. Selbst wenn diese unsachlich geführt werden wie etwa bezüglich des "Theatro della memoria", des Theaters der Erinnerung von Kai Schiemenz im Naturgarten, das vom BUND in seiner Broschüre attackiert wurde.

Imaginäre Beziehungen lassen sich auch in den anderen Kunstwerken finden. Bei "Viktorias Schwester" von Jorinde Gustavs beispielsweise. Das mit Schrift bedruckte Kleid könnte der Viktoria von der Orangerie gehört haben, die es nur im Schlossgarten vergessen hat, wo es nun durch Wind und Wetter von Vergänglichkeit gezeichnet wird. Nicht unerwähnt bleiben dürfen "Die Blume" von Fritz Balthaus an der Südspitze der Marstallhalbinsel und William Engelens Wettermelder "Bugania".

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