Unwetter in Bützow : Zehn Minuten für die Ewigkeit

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Der Tornado aus den Augen eines Reporters – ein Rückblick

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05. Mai 2017, 05:00 Uhr

5. Mai 2015. Es ist kurz vor 19 Uhr. Der Himmel verdunkelt sich. Die Seiten der Bützower Zeitung sind fertig produziert. Ein letzter Knopfdruck am Computer und die Seiten können später gedruckt werden. Doch zu diesem Knopfdruck kommt es nicht. Der Strom ist ausgefallen. Glücklicherweise und warum auch immer funktioniert das Telefon noch. Ich rufe beim Chef vom Dienst in Schwerin an, sage, dass wir keine Druckfreigabe tätigen können. Der Kollege scherzt noch: „Setzt euch aufs Rad, schaltet den Dynamo ein und dann habt ihr Strom!“

Sekunden später ruft meine Kollegin ganz aufgeregt: „Ralf, da drüben, das Dach kommt runter …“ Dem ersten erschreckenden Blick folgt das journalistische Gen. Sowohl meine Kollegin als auch ich schnappen uns eine Kamera und laufen auf die Straße. Was wir sehen, ist unwirklich. Ich drücke mich in den Eingang der Sparkasse. Drücke immer wieder auf den Auslöser… Türmchen des Rathauses liegen zerschellt auf der Erde. Das Kirchendach, gerade erst aufwendig saniert, ist zu großen Teilen abgedeckt, Chaos überall...

***

Jeder Bützower wird diesen Moment, als der Tornado durch Bützow raste, anders erlebt haben. Erst später wird mir bewusst, wie viel Glück auch ich gehabt habe. Wie viel Glück Bützow insgesamt an diesem Abend hatte. Denn nur wenige Leute sind zu diesem Zeitpunkt im Freien. Die meisten Geschäfte haben bereits geschlossen, es ist Abendbrotzeit. Das Unwetter hatte sich vorher angekündigt. Dass es ein Tornado sein wird… Es gibt kaum verletzte Menschen. Doch das weiß zu diesem Zeitpunkt, kurz vor 19 Uhr an diesem 5. Mai 2015, noch keiner.

Während meine Kollegin in Richtung Schloßstraße geht, laufe ich durch die historische Altstadt, über den Kirchenplatz, durch die Breite Straße, den Ellernbruch, durch die Wallstraßen. Von allen Seiten sind die Sirenen der Einsatzfahrzeuge zu hören. Überall bietet sich das gleiche Bild. Dächer sind abgedeckt, Autos beschädigt, Menschen laufen aufgeregt herum. Viele von ihnen kenne ich, schließlich wohne und arbeite ich seit fast drei Jahrzehnten in dieser Stadt. Ich schaue in fassungslose Gesichter, sehe Menschen mit Tränen in den Augen. Wenn ich die Kamera ansetze, habe ich fast ein schlechtes Gewissen. Eine junge Frau beschimpft mich. Da ist die eigene Hilflosigkeit, das Mitgefühl, die Ohnmacht auf der einen Seite, auf der anderen Seite bin ich auch Reporter, Lokaljournalist. Als ich Tage später in meinem Bildarchiv nach bestimmten Aufnahmen suche, nach Bildern, die sich mir in meinem Gedächtnis eingebrannt haben, muss ich feststellen, ich habe nicht auf den Auslöser gedrückt, obwohl ich mir ganz sicher war…

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Zehn Minuten hat das alles vielleicht gedauert. Was dann, nach diesen ersten Momenten des (Er)Schreckens passiert, ist einmalig. Menschen greifen zu Schaufeln, Besen, Eimern, räumen den Schutt von der Straße, versuchen ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen oder zu schützen, soweit es machbar ist. Wer nicht selbst betroffen ist, packt beim Nachbarn mit an. Und noch ein Bild hat sich mir eingebrannt von jenem Abend des 5. Mai. Keine 60 Minuten später, nachdem der Tornado durch Bützow gerast ist, scheint die Sonne und ein großer bunter Regenbogen zeigt sich am Himmel…

Bunt und vielfältig zeigte sich in den Tagen und Wochen danach die Hilfsbereitschaft, die Solidarität, das Füreinander-da-sein. Bützower, ehemalige Bützower, Verwandte, Freunde, Asylbewerber, wildfremde Menschen aus vielen Teilen der Republik packten beim Aufräumen mit an. Eine Stadt, eine ganze Region, rückte zusammen…

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Zwei Jahre ist das jetzt her. Bützow hat sich seitdem verändert. Die Narben, die das Naturereignis hinterlassen hat, sind fast verheilt. Bützow ist sogar noch schöner geworden. Es ist wieder der Alltag eingekehrt in die kleine Ackerbürgerstadt in Mecklenburg-Vorpommern, die für einen klitzekleinen Moment der Geschichte in den Mittelpunkt von Deutschland rückte. Auf solche Aufmerksamkeit können sicherlich alle Bützower verzichten. Doch bewahren wir uns diesen Geist jener Tage, an denen Bützow und eine ganze Region zusammenrückte. Das ist umso wichtiger in einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen zu geraten scheint.

>> Einen Rückblick auf den Tornado in Bützow finden Sie hier.


 

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