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Bützower Zeitung

13. Dezember 2017 | 16:16 Uhr

Bützow : „Wir brauchen die Anerkennung“

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Der Adventsmarkt in Bützow wird zum dritten Mal rein ehrenamtlich gestämmt – von Langzeitarbeitslosen

svz.de von
erstellt am 27.Okt.2015 | 07:10 Uhr

In knapp vier Wochen – vom 27. bis 29. November – steht bereits der diesjährige Bützower Adventsmarkt vor der Tür. Der Förderverein der Miniaturstadt Bützow organisiert die beliebte Veranstaltung mittlerweile zum dritten Mal. „Das läuft alles über Ehrenamt“, verrät Birgit Czarschka, Geschäftsführerin der BQG in Bützow und Vorsitzende des Fördervereins.

„Vielen Besuchern ist aber eines nicht bewusst. Unsere Helfer sind alle arbeitslos“, fügt Czarschka an. Nicht ohne Stolz, denn „wir haben in den letzten Jahren gezeigt, dass es funktioniert.“

Dafür habe man von Beginn an Gewerbetreibende ins Boot geholt, Kooperationen geschlossen und „die Gemeinden haben mitgezogen.“

Für die Arbeitslosen, die bei der Veranstaltung zeigen können, was in ihnen steckt, ist der Zuspruch der Besucher eine wichtige Anerkennung. „Es ist ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, ist sich Czarschka sicher. Ihr ist es ein Anliegen, für mehr Akzeptanz zu werben und diesen Menschen eine Aufgabe zu geben. „Arbeitslose haben ein schlechtes Image“, ist ihr bewusst. „Die Anerkennung ist das, was wir brauchen“, sagt sie.

In ihrer Position als Geschäftsführerin bei der BQG arbeitet sie täglich mit Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben. In der ländlich geprägten Region umso weniger. „Wir haben keine großen Industriebetriebe hier“, weiß Czarschka. Die Arbeitslosen, um die sie sich kümmert seien zudem keine Fachkräfte, aber „ich würde sagen, 95 Prozent derer, die ich in Maßnahmen habe, wollen auch arbeiten“, erzählt Birgit Czarschka und gibt ein Beispiel. Eine junge Frau, Mutter, hat krankheitsbedingt auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Aussicht auf eine Stelle. Über die BQG bekam sie die Möglichkeit in der Miniaturstadt einen Bundesfreiwilligendienst zu leisten. Doch sie arbeitet nicht einfach nur. Die junge Frau nimmt auf diese Weise wieder aktiv am Gesellschaftsleben teil, kommt mit andere Menschen in Kontakt und hat eine sinnvolle Beschäftigung, die ihr die Möglichkeit gibt ihren Kindern vorzuleben, was es heißt, morgens zur Arbeit zu gehen. Noch kann sie arbeiten.

In diesen Maßnahmen werden auch jene Menschen untergebracht, die dem zweiten Arbeitsmarkt zugewiesen werden, weil sie auf dem ersten nicht gebraucht werden, erklärt Czarschka. Doch die ohnehin wenigen Maßnahmen werden weniger. Die Vorgaben sind strikt. So darf ein Arbeitsloser innerhalb von fünf Jahren nur 24 Monate einem Ein-Euro-Job nachgehen. „Deutschland hat eine soziale Verantwortung für Arbeitslose“, meint Birgit Czarschka. Deshalb sei es auch ein Schlag ins Gesicht gewesen, dass die Region beim Nahles II-Teilhabeprogramm nicht berücksichtigt wurde. Dieses Bundesprogramm verspricht Langzeitarbeitslosen eine Perspektive auf eine bis zu drei Jahre andauernde Maßnahme, in der sie Aufgaben bewältigen, die dem Allgemeinwohl dienen. Und hier gibt es genug zu tun. Beispielsweise kann die Denkmalpflege, für die den meisten Gemeinden das Geld fehlt, in Maßnahmen übernommen werden.

Die Jobcenter konnten sich um das Bundesprogramm bewerben. „Wir waren auch als Träger beim Jobcenter Bad Doberan voll mit involviert“, so die Geschäftsführerin. Da die Maßnahmen nicht zu 100 Prozent gefördert werden, hätten pro Stelle 120 bis 140 Euro monatlich bezuschusst werden müssen. „Das hätten die Kommunen tragen müssen und die waren dazu bereit gewesen und auch Vereine hätten einen Anteil geleistet“, so Czarschka. Auch dem Landkreis konnte sie eine Zusage abringen, sich finanziell zu beteiligen. „Die Bereitschaft in der Politik war da“, betont Czarschka.

Doch die geleistete Vorarbeit war umsonst. Den Zuschlag bekamen in MV kürzlich die Jobcenter in Nordwestmecklenburg, Ludwiglust-Parchim und Vorpommern-Greifswald. Eine Vergabe, die Czarschka nur bedingt nachvollziehen kann.

„Wir haben durch langjährige Maßnahmen nachweisen können, dass immer wieder Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt hängen bleiben. – Ich habe auch mit einer ABM-Stelle hier angefangen.“ Die Miniaturstadt sei ein Projekt, dass nur durch Langzeitarbeitslose realisiert werden konnte. Doch durch die nach und nach wegfallenden Maßnahmen müsse der Förderverein immer mehr Aufgaben übernehmen.

Doch die Entwicklung sieht düster aus: „Es gab in Mecklenburg-Vorpommern über 30 Beschaffungssgesellschaften“, so Czarschka. „Jetzt sind wir noch 15 und denen geht es meistens relativ schlecht.“ Der demographische Wandel und Hartz IV hätten das Problem auf dem Land zwar leicht verbessert, aber nicht gelöst. „Es wird immer Menschen geben, die aus persönlichen Gründen keine Arbeit finden“, so die Geschäftsführerin. Diese Menschen wollen arbeiten, „aber es gibt keine Programme.“

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