Nach dem Tornado : Wie erging es den Sturmopfern?

<p>Links: Die Schlossstraße in Bützow nach dem Tornado. Rechts: Noch immer ist das Dach von Christian Herbsts zweitem Haus (links) nur notgesichert.</p><p> </p>
1 von 3

Links: Die Schlossstraße in Bützow nach dem Tornado. Rechts: Noch immer ist das Dach von Christian Herbsts zweitem Haus (links) nur notgesichert.

 

Mehr als 100 Tage sind ins Land gegangen, seit ein Tornado Bützow, Rühn und Brüel heimsuchte. Wie sieht die Situation heute aus?

von
21. August 2015, 06:00 Uhr

Es war der 5. Mai kurz vor 19 Uhr, als sich der Himmel über Bützow zuzog und die Stadt ins Dunkle tauchte. Dann flogen auch schon die ersten Äste und Dachziegel durch die Gegend. Anwohner berichten von einem unglaublichen Lärm. Scheiben zersplitterten, Bäume wurden entwurzelt, Autos wie Spielzeug umgekippt. Zehn Minuten. Dann war alles vorbei. Den Anwohnern bot sich ein Bild des Grauens. Die Innenstadt von Bützow – ein Trümmerfeld. Doch wie durch ein Wunder kam niemand ums Leben und kaum jemand wurde ernsthaft verletzt.

Es ist heute 109 Tage her, dass der Tornado und mehrere seiner Ausläufer – ein Resultat des Tief Zorans – durch Brüel, Rühn und Bützow eine Schneise der Verwüstung hinterließ. In Brüel wurden annähernd 40 Häuser abgedeckt. In Rühn wurde ein 200 Jahre altes Fachwerkhaus komplett zerstört. In Bützow richtete der Tornado den größten Schaden in der Innenstadt an. Zirka 300 Häuser und 150 Fahrzeuge wurden beschädigt. 500 Bäume entwurzelt.

Der Gesamtschaden wird hier auf einen achtstelligen Betrag geschätzt. Mit einer einmaligen Spendenaktion halfen Leser unserer Zeitung und viele, viele Bürger den in Not geratenen Bützowern nach dem Tornado. Wir fragten nach, was aus den Familien, die wir nach dem Tornado begleitet haben, geworden ist und wie die Situation vor Ort heute aussieht.

Noch immer überall Kräne

100 Tage ist es her und noch immer stehen Kräne, sind Gebäude in Bützow eingerüstet. Von außen sieht es so aus, als gehe es nicht vorwärts.  „Doch es tut sich einiges“, informiert  Hartmut Böhnke. Der Architekt ist für viele der Gebäude in der Stadt beauftragt. „Anfänglich war es etwas chaotisch und schleppend. Es mussten  einige Formalien geklärt werden.  Doch im Grunde läuft es sehr gut“, meint er.   Noch bis zum Ende des Jahres soll ein Großteil der Arbeiten abgeschlossen werden.  Das betrifft vor allem  die Kirche, das Rathaus, die Grundschule und das Krumme Haus.

Die Infrastruktur sei vollständig wieder in Takt, informiert Hauptamtsleiter Frank Endjer. Nur hier und da müssten  noch einige Laternen oder Mülleimer erneuert werden. Andere Sachen könne man jedoch nicht einfach ersetzen, so Endjer: Etwa 500 Bäume wurden im Stadtgebiet entwurzelt. Der älteste war 300 Jahre alt. Im September sollen erste neue Bäume gepflanzt werden.

Insgesamt kamen 340000 Euro Spenden für Bützow zusammen. Ein Großteil davon auch von unseren Lesern. Zur Verteilung der Gelder wurde ein Spendengremium einberufen, das noch immer regelmäßig tagt. „Inzwischen sind etwa 95 Prozent der Gelder verteilt“, sagt Endjer. 180 Spendenanträge hätte es gegeben. 30 von ihnen sind noch offen.

63 Tage ohne Töchter

63 Tage. So lange musste Ramona Dohrn warten, bis sie  ihre Kinder wieder nach Hause holen konnte. Der Tornado hatte  das Dach, die Fassade und die Fenster des Wohnhauses der vierköpfigen Familie zerstört. „Plötzlich kam meine Tochter schreiend die Treppe  runter.  ‚Mama, es hat eingeschlagen‘“, erinnert sich Dohrn.  Die Zimmer der zehn- und 14-jährigen Mädchen waren unbewohnbar. Sie kamen bei den Großeltern im Nachbarort Zibühl unter. „Das war eine sehr, sehr schwere Zeit“, meint Dohrn. Insgesamt neun Wochen konnten ihre Kinder nicht nach Hause. Dann die große Freude: „Nach langer Zeit durften meine Mädchen endlich ihre neuen Zimmer sehen und wieder bei uns einziehen“, meint Dohrn dankbar.  Möbel, Teppiche, Gardinen, alles ist neu. Inzwischen sei wieder das normale Familienleben eingekehrt. Nur manchmal, wenn es draußen stürmt und gewittert, „dann sind meine Kinder und ich schon noch ängstlich.“

Gleich doppeltes Pech

Auch bei  Christoph Herbst und seiner Familie   kehrt nach und nach wieder das normale Leben ein.  Sie traf der Tornado gleich doppelt.  Herbst ist Feuerwehrmann. Nach dem Tornado half er in der Stadt.  Als er nach Hause kam dann der Schock: Das Dach seines Hauses abgedeckt. Alle Scheiben, auch die seines Elektrofachgeschäfts, eingeschlagen. Die Wand seines Wohnzimmers eingedrückt. Und es kam noch schlimmer: Das Gebäude nebenan, eine alte Ruine (siehe linkes Bild, Gebäude ganz links), wurde noch stärker zerstört. Herbst wollte sie eigentlich instand setzen und anschließend vermieten. Dieses Ziel rückte plötzlich in weite Ferne. 100 Tage später: Noch immer gibt es  viel zu tun.  Die Ruine ist nur notgesichert. Schuppen und Carport   sind noch immer beschädigt.   Aber es gibt auch gute Nachrichten, sagt Herbst: „Das Dach auf dem Wohnhaus ist wieder drauf,  die Wand im Wohnzimmer muss noch gestrichen werden.“

200 Jahre altes Haus kann nicht gerettet werden

Es stand symbolisch für den Tornado: Das alte Fachwerkhaus der Familie Götze in Rühn. Kaum ein anderes Gebäude wurde so massiv beschädigt. Die Bilder vom eingestürzten Giebel gingen tagelang durch die deutschen Medien. Inzwischen hat sich offenbart, was anfangs niemand zu sagen gewagt, aber viele befürchtet haben: Das 200 Jahre alte Gebäude ist nicht mehr zu retten. Seit Mai ist die Familie bei Nachbarn untergekommen. Nun muss das alte Haus abgerissen und anschließend neu aufgebaut werden, so ein Nachbar.

Es ist so gut wie geschafft

„Wir sind ganz überrascht, dass 100 Tage schon wieder um sind“, meint Hans-Jürgen Goldberg, Bürgermeister von Brüel. Der Schock sitzt noch tief. Auch in der 2600-Seelengemeinde hinterließ der Tornado seine Spur. Etwa 40 Häuser deckte er ab, darunter eine große Getreidehalle.  „Fast alle Häuser sind inzwischen saniert und repariert. Ein Großteil der Arbeiten sind abgeschlossen“, informiert Goldberg, sichtlich erleichtert. „Das alltägliche Leben holt uns langsam wieder ein.“ Die meisten Häuser waren im privaten Eigentum und die Versicherungen reagierten sehr schnell, fasst er zusammen. „Wir hatten Glück im Unglück“.

Dankeschön-Party

Vergangene Woche war es 100 Tage her, dass der Tornado wütete. Höchste Zeit also, all denen Dankeschön zu sagen, die in den Stunden und Tagen nach dem Tornado  anpackten. Ostseewelle Hit-Radio Mecklenburg-Vorpommern und Innenminister Lorenz Caffier laden deshalb heute, am 21. August, zu einer großen Dankeschön-Party für alle Helfer ein. Um 19 Uhr beginnt auf der Festwiese vor der Feuerwehr Brüel ein abwechslungsreiches Programm. Mit dabei sind die Band Karussell,  Skyline und DJ Alex Stuth.

Alles rund um den Tornado in Bützow und Umgebung lesen Sie in unserem Dossier

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen