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Bützower Zeitung

17. Dezember 2017 | 09:10 Uhr

Schlemmin : Wenn eine Baumart verschwindet

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Die Esche ist im traditionellen Laubwald in Schlemmin heimisch – ein eingeschleppter Pilz befällt die Hölzer jedoch und tötet sie ab

svz.de von
erstellt am 21.Aug.2017 | 08:00 Uhr

In der nordischen Mythologie trägt ein riesiger Baum die neun Welten. Yggdrasil – die Weltenesche. „Die Esche war schon immer da“, sagt Schlemmins Forstamtsleiter Mathias Regenstein. Sie prägte die Mythologie der Germanen und Slawen nicht weniger als die Landschaft Mecklenburgs. Und bald könnte sie nur noch eine Erinnerung sein.

Schuld daran ist das „Eschensterben“, ein durch einen Pilz ausgelöstes Verkümmern der Bäume. „100 Prozent unserer 115 Hektar Eschen sind befallen“, sagt Regenstein. Ist ein Baum erst einmal mit der Krankheit infiziert, ist sein Tod unausweichlich. „Ein Schutzmittel gibt es nicht. Der Baum stirbt in einem Zeitraum zwischen einem und fünf Jahren“, so der Forstamtsleiter.

Ist ein Baum von der Krankheit befallen, läuft der Prozess des Absterbens in vier Phasen ab, erklärt Regenstein. In der ersten Phase verkürzen sich die ansonsten unterarmlangen Blätter auf die Hälfe. In Phase zwei lichtet sich die Krone, totes Holz kommt hervor. „Bei der dritten Phase verliert der Baum mehr als 60 Prozent seines Blattwerkes“, sagt Regenstein. Die vierte und letzte Phase ist der eintretende Tod des Baumes.

Seit dem Jahr 2000 sind die ersten Erscheinungen des Befalls zu beobachten gewesen, ab 2006 wurde dann vom „Eschensterben“ gesprochen. Den Grund dafür ermittelten Forscher 2011. „Es handelt sich um einen eingeschleppten japanischen Fäulnispilz“, sagt Regenstein. Vermutlich wurde er durch Verpackungsmaterial ins Land gebracht und befällt hier die Eschen.

Dabei hat er zwei Verbreitungswege, wie der Forstamtsleiter berichtet. „Einerseits werden Pilzsporen über die Luft übertragen, andererseits infiziert der Borkenkäfer die Eschen.“ Diese Käferart wird durch von dem Baum ausgeströmte Pheromone angelockt. „Er steuert nur die Esche an“, so Regenstein. Hat der Borkenkäfer einmal einen kranken Baum angebohrt und geht dann auf einen gesunden, wird dieser sofort infiziert. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um einen ausgewachsenen oder einen Jungbaum handelt. Neben dem langsamen Absterben verliert die Esche zudem die Fähigkeit, sich selbst auszusäen. „Früher stand um eine Esche ein ganzer Teppich aus Setzlingen – heute sind dort nur noch fremde Arten“, sagt Regenstein.

Überlebenschancen für den Baum gibt es kaum. „Unter zwei Prozent der angegriffenen Eschen sterben nicht innerhalb von fünf Jahren an der Krankheit und selbst die gehen zeitig ein“, sagt Regenstein. Eigentlich kann eine Esche 300 bis 400 Jahre alt werden.

Mit dem Absterben der Esche verschwindet eine von zwölf traditionellen Wirtschaftsbaumarten. Sie hinterlässt eine ökologische Lücke, die von den Schlemminer Forstwirten versucht wird, mit der Roterle aufzufüllen. „Die Esche siedelt sich in feuchtem Gelände an, wo es für die Ulme und Eiche zu nass ist“, erklärt Regenstein. Schon jetzt sind die Wälder wegen des Eschensterbens lichter geworden. Ein von den Forstwirten angepflanztes Eschenareal ist vollständig abgestorben. „Wenn noch mehr Baumarten verschwinden, werden wir ökologische Probleme bekommen“, sagt Regenstein.

Der Stand der Forschung zum Problem ist noch ohne große Fortschritte. „Die Forstlichen Forschungsanstalten befassen sich mit der Frage: Wie genau stirbt der Baum?“, sagt Regenstein. Versuche, die Esche isoliert aufzustellen oder die „am resistentesten“ erscheinendsten Bäume zu klonen brachten laut Regenstein nur „sehr zaghafte Erfolge.“ Die Sterbequote lag auch hier bei 80 Prozent. „Wir reden hier über das Aussterben einer ganzen Baumart“, sagt Regenstein.

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