Aphasie : Wenn die Worte fehlen

Frank Schmidt, der Lebensgefährte von Andrea Groß (r.) malt für seine Lebensgefährtin mit einem Stein Getreide zu Mehl. „Ich komme da nicht runter, aber die anderen, die noch Laufen können, sollen es ruhig probieren“, fordert sie.
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Frank Schmidt, der Lebensgefährte von Andrea Groß (r.) malt für seine Lebensgefährtin mit einem Stein Getreide zu Mehl. „Ich komme da nicht runter, aber die anderen, die noch Laufen können, sollen es ruhig probieren“, fordert sie.

Aphasiker-Gruppen aus Bützow und Güstrow besuchten Freilichtmuseum in Groß Raden

svz.de von
16. Juli 2015, 20:32 Uhr

„Jjja …sssschhöön…oh, ssschööönn…“ – fröhlich, aber laut hallen die Worte und nur diese Worte einer Frau, die im archäologischen Freilichtmuseum Große Raden an einem Tisch sitzt und sich zusammen mit einer jüngeren Frau Bilder im Telefon anschaut. „Ja, schön“ – immer wieder und nichts anderes.

Andere Besucher, die an einem anderen Tisch sitzen, fangen an, sich zu amüsieren, lachen, drehen sich um. Sie wissen nicht, dass diese Frau, Angelika heißt sie, vor sechs Jahren einen Schlaganfall hatte und dadurch nicht viel mehr Worte sprechen kann. Auch wenn sie wollte, auch wenn die richtige Antwort auf eine Frage auf der Zunge liegt, sie kann sie nicht aussprechen. Und wenn sie’s versucht, so bedeutet das Schwerstarbeit.

Angelika hat eine Aphasie, „eine erworbene Störung der Sprache aufgrund einer Läsion (Schädigung) in der dominanten, meist der linken, Hemisphäre des Gehirns“, wie Wikipedia es erläutert.

Sogar das Sitzen neu gelernt

Angelika gehört zu einer Gruppe von etwa 20 Leuten mit gleichem oder ähnlichem Schicksal. Es ist die Aphasiker-Gruppe Bützow, Güstrow, Parchim und Lübz, die am Mittwoch ein Sommerfest on Tour in Groß Raden genossen. Organisiert wurde die Veranstaltung von Andrea Groß, Leiterin der Aphasiker-Selbsthilfegruppe Bützow, mit Unterstützung des Aphasiker-Zentrums Mecklenburg-Vorpommern e. V. mit Sitz am Mediclin-Reha-Zentrum Plau am See.

Andrea Groß hatte vor 13 Jahren einen Schlaganfall. „Danach konnte ich nichts mehr, wirklich gar nichts mehr. Ich musste sogar das Sitzen lernen“, erzählt sie. „Damals fiel ich in ein tiefes Loch. Aber dann dachte ich: Der Tod hat mich nicht genommen. Ins Heim wollte ich nicht. Was blieb mir also übrig? Ich musste um meine Selbstständigkeit kämpfen.“ Und das tat sie auch. Sie übte das Sprechen, das Lesen, das Schreiben. Als sie wieder schreiben konnte, setzte sie sich an den Computer. Beim Chatten lernte sie einen Mann kennen, der ihr nun seit einigen Jahren treu und aufopferungsvoll zur Seite steht. Dass sie eine Kämpferin ist, bekommen auch die Mitglieder ihrer Aphasiker-Selbsthilfegruppe zu spüren. „Ich kämpfe immer noch mit dem Alltag, mit der Sprache, und das verlange ich auch von meiner Gruppe. Meinen zehn Leuten sage ich immer wieder, du musst und du kannst!“

Gerade in der Gemeinschaft fällt das Lernen leichter und so trifft man sich regelmäßig zum Basteln, zum Reden und zum Lernen. Auch Ausflüge, wie in den Zoo standen schon auf dem Programm. Erst kürzlich ist Andrea Groß mit der Hälfte ihrer Gruppe nach Rostock und Warnemünde gefahren. In Rostock zeigte sie ihnen, wie man einen Fahrplan liest, wie man in die Straßenbahn ein- und aussteigt, welche Bahn man wohin nehmen muss. Für die Mitglieder bedeutet diese Selbsthilfegruppe immer mehr ein Stück Selbstständigkeit und Leben.

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