Jubiläum : Warten auf Sonnenstunden in Bützow

Boris Frohberg, Restaurator und Hauptverantwortlicher für das Projekt (r.), bereitet gemeinsam mit Diplom-Restaurator Paul Hamann die Anbringung der neuen Sonnenuhr vor.  Fotos: Sabine Herforth
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Boris Frohberg, Restaurator und Hauptverantwortlicher für das Projekt (r.), bereitet gemeinsam mit Diplom-Restaurator Paul Hamann die Anbringung der neuen Sonnenuhr vor. Fotos: Sabine Herforth

Eine Nachbildung der 250 Jahre alten Lüdersschen Sonnenuhr soll in den nächsten Monaten deren ursprünglichen Platz einnehmen.

svz.de von
14. September 2015, 17:59 Uhr

Eine schwarze Sonnenuhr, verziert mit goldenen und silbernen Linien, Zahlen und Worten, zeigte einst an der Bützower Stiftskirche die Zeit an. Inzwischen hätte ein originalgetreuer Nachbau der Lüdersschen Sonnenuhr den ursprünglichen Platz einnehmen sollen – pünktlich zum heutigen 250. Jahrestag.

Doch natürlich war es der Tornado, der den Zeitplan völlig durcheinander bringt. Jetzt stehen die Gerüste dicht an der südöstlichen Außenwand und verdecken die Vertiefung, wo die Uhr angebracht werden soll.  Das Original wurde nach aufwendiger Renovierung hinter dem Altar aufgestellt. „Es ist eine ganz bedeutsame Sonnenuhr, die in Europa und vielleicht weltweit einmalig ist“, erklärt Axel Ulrich, Vorsitzender des Fördervereins der Stiftskirche. Dass es in Bützow überhaupt so eine besondere Uhr gibt, war lange in Vergessenheit geraten.

Erst 2006 kam alles ins Rollen. Damals wollte der Astronomiehistoriker Dr. Jürgen Hamel einen Vortrag über historische Sonnenuhren halten. Er arbeitete an einem Buch, in dem er ein Inventar über historische Sonnenuhren in Mecklenburg-Vorpommern anlegte – und die Bützower Uhr interessierte ihn besonders, sie sollte sogar auf das Titelbild. Heute ist das Buch im Handel erhältlich – mit Bützows Sonnenuhr auf dem Titel.

Vortrag weckt Interesse an Sonnenuhr

Der geplante Vortrag, das „Open-Ehr’“ im Juni 2006, lockte mehr als 80 Besucher an. „Es gab ein großes Interesse“, erinnert sich Dieter Menter, ehemaliger Vorsitzender des Heimatvereins. Die Sonnenuhr von 1765, die in vier Metern Höhe an der Kirchenwand hing, sahen sich Hamel, Menter und andere Vereinsmitglieder von einem Gerüst dann erstmals genauer an. Die vielen Jahre hatte die Farbe verschwinden lassen, aber die Details sind noch immer gut erhalten. „Da haben wir erst gemerkt, was da alles drauf ist“, berichtet Menter.  Seither beschäftigt er sich intensiv mit dieser und anderen Sonnenuhren in und um Bützow.

Schon vorher war klar, was der Uhr fehlt: der Schattenstab. Ohne ihn fällt kein Schatten auf die Uhr, sie steht quasi still.  Die Spuren deuten darauf hin, dass jemand daran gebogen und gezerrt hat, bis er abbrach. „Ich sage sogar, das hat der Schöpfer J. C. Lüders gemacht“, meint Menter heute. Das filigrane Meisterwerk wurde an einer Stelle angebracht, an der sich vorher ein Fenster befunden hatte. Bürger, die kein Fernglas besaßen, erkannten  jedoch kaum etwas von der Uhr.  Aber bereits Anfang des 19. Jahrhunderts war das Zifferblatt so stark verwittert, dass es ohnehin nicht mehr lesbar war.

Dabei sind die Details ja das Besondere. Die Sonnenuhr zeigt unter anderem astronomische Texte, Skalenbeschriftungen in Deutsch, Französisch, Hebräisch und Lateinisch. Erdmeridiane erlauben es, verschiedene Zeitzonen abzubilden. Die Ortszeit konnte bis auf 1,8 Minuten genau abgelesen werden.

 J. C. Lüders hatte viele Monate an dem gotländischen Kalkstein gearbeitet. Den Auftrag dafür gab Pastor Thomas Christoph Luger. Von Professor Wenzeslaus Johann Gustav Karsten  gibt es auch eine sehr genaue Beschreibung der Sonnenuhr. „Das ist ideal, wir haben die Gebrauchsanweisung“, ist Dieter Menter froh. Denn darin steht auch, dass die Grundfläche der Uhr zunächst schwarz war. Der Nachbau soll genau so wieder hergestellt werden. „Die Denkmalpflege wollte uns ausreden, dass wir sie farbig machen“, sagt Menter und lacht. Durch eine Farbanalyse wurde nachgewiesen, dass Professor Karsten die Wahrheit aufgeschrieben hatte.  Der Schatten ist auf der schwarzen Grundfläche  tatsächlich sehr gut zu erkennen. „Das klappt hervorragend“, fügt Axel Ulrich an.

Die neue Sonnenuhr aufzuhängen wird – wenn es soweit ist – das kleinere Problem. Eine Herausforderung ist vielmehr, dass sie die richtige Zeit anzeigt. Da der originale Schattenstab fehlt und Karsten war ausgerechnet hier nicht sehr genau in seinen Ausführungen: „Er beschreibt alle Schattenwirkungen der Sonnenuhr, aber den Schattenstab hat er nicht beschrieben“, erklärt Menter, der für Interessenten gemeinsam über die Tourismusinfo Touren zu den Sonnenuhren in und um Bützow anbietet.

Die deutsche Gesellschaft für Chronometrie übernahm die Nachberechnungen, damit auch das Duplikat einmal die richtige Ortszeit anzeigt.  Sie hat auf Antrag der Kopie auch eine eigene Registernummer zugeordnet. „Damit hat der Nachbau ein Alleinstellungsmerkmal“, führt Menter aus, dass sie damit als eigenständiges  Werk betrachtet wird.

Von der „Wiederentdeckung“ der kulturhistorisch bedeutenden Sonnenuhr bis zur fast fertigen Nachbildung hat es viele Monate gedauert.  Restaurator  Boris Frohberg  war von Anfang mit seinem Team dabei.  Inzwischen gibt es eine Kopie einer teilrestaurierten Kopie, an der  beschädigte Stellen des Originals  ausgebessert, abgebrochene Stellen ergänzt wurden. Im Mai – also eigentlich im Zeitplan – konnte die finale Nachbildung aus ihrer Gussform gelöst werden. Eine Halterung wurde angebracht. Am 22. August hätte die feierliche Einweihung mit Anbringung stattfinden sollen. Axel Ulrich sieht es gelassen. Wäre alles nach Plan verlaufen, hätte die neue Sonnenuhr am 5. Mai bereits gehangen und wäre vermutlich vom Tornado zerstört worden.

Ein Geheimnis behält die Uhr für sich

Bis zur Auflösung des Heimatvereins zeichnete dieser gemeinsam mit dem Förderverein der Stiftskirche für das Projekt verantwortlich. Gemeinsam generierten sie Gelder für die Nachbildung. „Die Ospa-Stiftung hat einen großen Teil der Sanierung des Originals getragen“, berichtet Axel Ulrich. Inzwischen führt der Förderverein Regie, bekommt aber Unterstützung – unter anderem von Sonnenuhrenthuasiasten wie Dieter Menter, der sich seit 2006 intensiv mit dem Thema befasste. Bis die Uhr an ihrem Platz ist und funktioniert, will er noch dranbleiben. Schließlich zeigt diese besondere Uhr nicht von sich aus die richtige Zeit. Mit viel Geduld und der Unterstützung erfahrener Experten wird Dieter Menter zunächst einen Schattenstab aus Holz anbringen und die Zeit beobachten, nachjustieren – bis die Uhrzeit stimmt. Dann wird er durch eine vergoldete Version ersetzt. Voraussichtlich im Frühjahr kommenden Jahres soll die neue Uhr den Platz des Originals einnehmen. Auch eine ausführliche Broschüre, die auch die „Gebrauchsanweisung“ enthält, ist geplant. Übrigens: Die Lüderssche Sonnenuhr zeigt die wahre Ortszeit an, die allein für Bützow gilt. An einem anderen Ort würde sie also immer etwas falsch gehen.

Ein Geheimnis ließ sich bis heute jedoch nicht knacken. „Trotz aller Nachforschungen, die wir angestellt haben, konnten wir J. C. Lüders Vornamen nicht herausfinden“, so Menter.

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