Ein Bützower und seine Drogensucht : Vom weiten Weg in ein Leben ohne Drogen

<strong>Ist inzwischen clean</strong> und arbeitet im  Freizeittreff: Ulf Schmidt. <foto>Evelyn Bubber-Menzel</foto>
Ist inzwischen clean und arbeitet im Freizeittreff: Ulf Schmidt. Evelyn Bubber-Menzel

Ein Auf und Ab im Leben offen legen. Zu den Tiefschlägen öffentlich Farbe bekennen, wer macht das schon? Ein Bützower macht es. Ulf Schmidt steht zu seiner früheren Drogensucht, von der er los gekommen ist.

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14. März 2013, 06:19 Uhr

Bützow | Sein Auf und Ab im Leben offen legen. Zu den Tiefschlägen öffentlich Farbe bekennen, wer macht das schon? Ulf Schmidt hat es getan, als er sich am Mittwoch im Bützower Freizeit-Treff Kindern und Jugendlichen den Fragen zum Thema Drogen stellte und dabei bekannte: Ich war mal ganz tief unten im Drogensumpf, aber ich hab’ mich wieder hochgerappelt und führe jetzt wieder ein selbstbestimmtes Leben.

Seine Botschaft an alle: Lasst die Finger von Drogen, es schadet euch und bringt nur Unglück.

Ulf Schmidt ist einer, der weiß, wovon er spricht. Er ist es leid, aus seiner schwierigen Vergangenheit ein Geheimnis zu machen und geht offensiv damit um. "Irgendwann kommt es doch mal zur Sprache und dann ist der Schaden viel größer, als wenn ich gleich erzähle, was Sache ist", meint der 42-Jährige.

Seit über einem Jahr ist Ulf Schmidt auf einem Bürgerarbeitsplatz im Bützower Freizeit-Treff beschäftigt. Die Kinder mögen den Mann mit der grauen Strickmütze auf dem Kopf und die Leiterin Gisa Gierer hat seine Hilfe schätzen gelernt, wie sie sagt.

Sie weiß von Anfang an, wie es früher um Ulf stand. Da hat Ulf Schmidt mit offenen Karten gespielt. "Gisa ist eine ganz tolle Frau. Sie hat mir sehr geholfen", sagt er.

Ulf, der heute wieder in Bützow lebt, war ein Junkie, da gibt’s nichts drum herum zu reden. Und das will er auch gar nicht. Er will aber auch, dass man weiß: Seit sechs Jahren ist er völlig clean, hat sich zurückgekämpft ins Leben.

Alles begann kurz vor der Wende, da war er 18. "Ich war als Kommunist immer zu kritisch in der DDR. Deshalb kam irgendwann mal die Stasi zu mir auf die Baustelle und hat mir klar gemacht, wie es mit mir weiter geht, wenn ich nicht mache, was sie wollen", erinnert sich der gelernte Maurer. Er musste weg, das wurde ihm klar.

Als dann in Prag die deutsche Botschaft für Republikflüchtlinge geöffnet wurde, fuhr er dorthin. "Ich bin mit Tränen in den Augen dorthin gegangen. Ich wusste ja nicht, ob ich meine Familie jemals wiedersehe", sagt er.

Kurz darauf war er im Westen, er kam nach Nürnberg. "Ich saß dort in einer Gaststätte, da lernte ich einen Mann kennen, der aus Schwaan kam. Er war schon in den 50ern in den Westen ausgewandert." Der Mann hatte mehrere Gaststätten und bot dem Neuankömmling eine davon zur Miete an. Ulf Schmidt nahm an. "Da war ich 19 und plötzlich zum ersten Mal selbständig." Es sei eine "aufregende Zeit" gewesen. "Ich war ja völlig ah-nungslos." Weil er schon immer auf Rock- und Punkmusik stand, habe er aus der "Kneipe" ein Szene-Lokal für junge Leute gemacht. "Das hat manchen Leuten richtig Stress gemacht, im tiefen Bayern, ohne Kruzifix und so." Doch der "Laden wurde gut angenommen." Zum ersten Mal kam Ulf Schmidt dort aber auch mit Drogen in Berührung. "Rockmusiker und so haben sowas immer auf Tasche", so seine Erfahrung.

Der Job war schön, aber anstrengend. "Da hab’ ich dann zugegriffen, als ich was kriegte, womit du 20 Stunden durchhälst". Er habe Amphetamine, auch Speed genannt, als Tabletten genommen oder als Pulver durch die Nase gezogen. "Danach bist du richtig wach, bist top drauf." Aber das Zeug greife als erstes die Nasenschleimhäute an. "Sowas frisst sich richtig durch die Schleimhaut, und die lässt sich nie wieder reparieren. Wenn ich Schnupfen habe, läuft mir deshalb ständig die Nase", sagt Ulf ungeschminkt.

"Mit Kokain und Amphe taminen fühlst du dich stark, du bist selbstbewusst, verspürst keine Müdigkeit", beschreibt Ulf Schmidt die Wirkung der Drogen. Doch man werde nach außen hin auch blasiert, abstoßend und gefühlskalt. Und bald komme dann der Hammer. "Letztendlich ist man so aufgeputscht, dass man andere Drogen braucht, um wieder runterzukommen. Man muss ja mal schlafen." Dann habe er zu Haschisch und Schlafmitteln gegriffen.

So richtig in die Szene eingeführt habe ihn seine damalige Lebenspartnerin, die auch auf Droge war. "Sie schob mir beim Küssen eine Tablette in den Mund", verrät Ulf eine kleine Intimität.

Er habe ein verrücktes Leben geführt, wovon die ersten Jahre selbst seine Mutter nichts merkte, wenn er sie in Bützow besuchte, sagt er. "Es war immer Geld da, ich war immer aktiv, sah immer gut aus", da werde man zunächst nicht misstrauisch.

Es sei ein wildes Leben gewesen. "Ich habe alle möglichen Leute kennengelernt, wir haben in Venedig in den besten Locations gewohnt und gefeiert."

15 Jahre lang habe er so in dem Stile gelebt, sagt Ulf Schmidt. "Man fühlt zuerst nicht, dass man eigentlich schon einen Vertrag mit dem Teufel gemacht hat. Er gibt dir Spaß, Frauen, Alkohol, alles, was du willst. Aber er will nur deine Seele und zum Schluss landest du auf dem Friedhof."

Seine Freundin habe am Tag bis zu drei Gramm Kokain genommen. Ein Gramm davon kostete damals auf dem Schwarzmarkt 180 Mark, sagt er. Heute 90 Euro. "Ich war nicht ganz so schlimm drauf. Ich hatte ja den Laden und musste den Überblick behalten. Aber ich schätze schon, dass ich ein Eigenheim bestimmt verkonsumiert habe im Laufe der Zeit." Man gebe soviel Geld aus auf Droge…

"Und irgendwann kommt dann das Finanzamt und sagt dir: Hallo, netto ist nicht brutto!"

Von dem Moment an ging es mit Ulf Schmidt bergab.

Quasi über Nacht wurde sein Konto gesperrt, er konnte die Miete für sein Lokal nicht mehr bezahlen und hatte selbst keinen Pfennig mehr. "Da stand ich, der immer auf dicke Hose gemacht hatte, dann da…"

Dann ist Ulf ausgestiegen, wenn auch nur halbherzig. "Ich ging wieder in den Norden und trieb mich in der linksautonomen Szene umher. Ich war in Rostock, Schwerin, Amsterdam, mal hier ein bisschen, mal da ein bisschen. Ich war ein Weltenbummler." Auch bei politischen Aktionen habe er mitgemacht: "Das war schön lustig." Er habe damals Marihuana geraucht wie andere Leute Zigaretten, sagt Ulf Schmidt.

Als er 33/34 ist, beginnt sich sein Körper zu wehren gegen das ganze Gift. "Meine Nieren und meine Leber arbeiteten nicht mehr richtig. Ich wog plötzlich 120 Kilogramm und war richtig fett und abstoßend", sagt Ulf.

"Dann sagt dir dein Gehirn auch nicht mehr, du bist cool, Dann fällst du in ein tiefes Loch", stellt er fest.

Der endgültige Schock kam dann beim Arzt. "Er sagte zu mir: Ich schätze, Sie haben noch ein halbes Jahr zu leben, dann sind sie tot." Das saß.

"Das gab mir zum ersten Mal so richtig zu denken", sagt Ulf. Und er zog die Reißleine.

"Das größte Problem für mich war, dass ich psychisch so abhängig von den Drogen war. Man wird mit der Zeit stark depressiv. Und was Depressionen mit einem Körper machen, weiß man ja."

"Meine Freunde und meine Familie haben mir in meiner schweren Zeit beigestanden, ohne sie hätte ich es nicht gepackt", daran hat Ulf nicht den geringsten Zweifel.

Er ist unendlich froh darüber, dass ihn seine Familie so aufgefangen hat.

"Ich bin meiner Mutter und meinem inzwischen verstorbenen Vater sehr dankbar für ihre Hilfe", betont er. "Meine Mutter hat mit mir viel durch", das sei ihm schon bewusst, meint er.

Es dauerte, bis Ulf es geschafft hatte, den Teufel in sich zu besiegen.

"Ich kam zurück nach Bützow und hab’ meiner Mutter geholfen, meinen kranken Vater zu pflegen. Doch am Anfang bin ich nebenbei immer nach Rostock gefahren, wieder in die Szene rein", sagt Ulf.

Dann aber kam die entscheidende Wende: Ulf Schmidt bekam einen Arbeitsplatz als Präsenzkraft in einem Bützower Pflegeheim. Er kümmerte sich mit um Demenzkranke und half, die Schwestern zu entlasten. "Wenn man eine Aufgabe hat, kommt man langsam runter", sagt Ulf. "Du kannst ja keine Drogen nehmen, wenn du für einen Menschen verantwortlich bist."

Deshalb sei auch die Arbeit im Freizeit-Treff ganz wichtig für ihn, bekennt Ulf.

Er habe dort einst als Ein-Euro-Jobber angefangen und sei vor einem Jahr über Bürgerarbeit dabeigeblieben. "Der Arbeitsvertrag läuft immer für ein Jahr. Ich bin jetzt erstmal noch bis 2014 beschäftigt, hoffe aber, dass es auch danach weitergeht."

Es mache ihm Spaß, mit den Kindern im Freizeit-Treff zu arbeiten, sagt er. Er tue alles, was gerade ansteht: mit den Kindern Billard oder Computer spielen, mit ihnen basteln oder ihnen Geschichten vorlesen, mit ihnen über Gott und die Welt reden, er ist Ratgeber vor allem für die Jungs.

Doch tue er nicht nur etwas für die Kinder, sagt er. "Die Kinder haben mir auch schon so viel gegeben. Sie haben mir in dem einen Jahr meine Seele wiedergegeben."

Besonders weiß er auch die Hilfe von Gisa Gierer zu schätzen: "Ich kann zu ihr kommen, wann ich will, ich krieg’ sofort Hilfe", sagt er.

Inzwischen hat Ulf Schmidt wieder Boden unter den Füßen. "Ich hab’ eine Zweiraum-Wohnung. Und ich fühle mich gut", sagt er.

Er gehe mit seiner früheren Drogensucht offen um und sei bisher damit "gut gefahren", sagt er. Sonst gebe es nur Gerüchte, die mehr schaden als nutzen.

Für die Zukunft hat Ulf Pläne. "Wenn das hier ausläuft, mach’ ich in drei Jahren den Erzieher", schwebt ihm vor.

Seinen politischen Idealen ist Ulf Schmidt treu geblieben, auch wenn seine Ideen sicher gereift sind im Laufe der Zeit. Er engagiere sich im Kreisvorstand der Linskpartei, sagt er.

Nicht einverstanden ist er, der sich auf dem Gebiet bestens auskennt, mit der Drogenpolitik in Deutschland. "Da muss sich was verändern", findet er. Und sagt, dass er um die Legalisierung von Marihuana, Cannabis und Haschisch kämpfe. "Besonders im medizinischen Bereich", betont er. Denn damit könne man vielen Menschen bei bestimmten Krankheiten das Leben erleichtern, ist er überzeugt. "Alkohol und Zigaretten sind viel gefährlicher und die sind auch legal", meint er. Vom Rauchen sei auch er nicht abgekommen, gesteht er.

Zum Schluss unseres Gesprächs gibt Ulf Schmidt mir etwas zum Nachdenken mit auf den Weg: "In Bützow gibt es mehr Drogen, als Sie sich vorstellen können", sagt er.

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