Steinhagen : Vögel, zeigt Euch endlich!

Das wird wohl eine Amsel sein: Genau weiß ich es ehrlich gesagt nicht. Schaue nach beim Nabu.
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Das wird wohl eine Amsel sein: Genau weiß ich es ehrlich gesagt nicht. Schaue nach beim Nabu.

SVZ-Redakteur versucht sich in Nachbars Garten als Naturbeobachter / Bundesweite Mitmachaktion des Naturschutzbunds.

svz.de von
13. Mai 2018, 21:00 Uhr

Einfach mal etwas Neues ausprobieren, dachte ich, als ich die Aufforderung las, Vögel im Garten zu zählen. Im vergangenen Jahr hatten mehr als 1200 Vogelfreunde für den Nabu, also den Naturschutzbund Deutschland – und den Landesbund für Vogelschutz gezählt. Eine Stunde lang am Sonnabendmorgen schauen und registrieren, das kann doch nicht schwer sein.

Um 6.15 Uhr ist die Nacht für mich zu Ende.  „Die Vögel brüllen“, hat der Autor Peter Schneider mal geschrieben. Wenn ich nicht ausgeschlafen bin, fällt mir oft dieser kleine Satz ein und ich weiß genau, was er gemeint hat. Manchmal mache ich auch schnell das Fenster zu, um erneut einschlafen zu können. Heute nicht.

Einen Garten habe ich zwar nicht, aber einer der vielen Kleingärten in der Nähe ist bestimmt nicht vergeben, oder ich setze mich eben so hin, dass ich in einen anderen hineinschauen kann.

7 Uhr: Die Sonne hat noch nicht überall gegen den morgendlichen Nebel gewonnen, aber es dauert wohl nicht mehr lange. In einer offensichtlich unbelegten Parzelle platziere ich mich kurzerhand auf einen umgedrehten Eimer, zücke Block und Kugelschreiber und sehe Mücken, Schnecken, eine Spinne – aber keinen einzigen Piepmatz. Eben noch hatte ich einen Kuckuck gehört und einen Mauersegler gesehen. War aber zu früh.

7.08 Uhr: Richtig nass ist das hohe Gras, da taucht der erste Haussperling in Nachbars Kirschbaum auf. Erkenne ich aber erst so richtig, als ich mir später ein Nabu-Video im Internet ansehe.

Entschuldigung, ich bin ein Stadtkind, und Grundschule sowie Pfadfinderzeit sind 100 Jahre her. Jedenfalls mache ich schnell zur Sicherheit mit der Spiegelreflexkamera und dem Tele-Objektiv ein Foto. Hinter mir in den Bäumen lachen sich die Vögel anscheinend tot über den Eindringling, der nach Mücken schlägt und immer in die falsche Richtung schaut. Aber fast ohrenbetäubendes Zwitschern und Liedchen singen zählen nicht. Wie heißt es auf der Nabu-Seite im Internet: „Notieren Sie die höchste Anzahl von jeder Art, die Sie gleichzeitig sehen. So werden Vögel, die wegflattern und wiederkommen, nicht doppelt gezählt.“ Aha.

Da: Drei Enten fliegen an mir vorbei. Ihre Stimmen sind ganz schön tief. Vielleicht kann ich sie im Nachhinein näher bestimmen. Es folgen zwei Mauersegler. So kann es doch weitergehen.

7.14 Uhr: Vögel, zeigt Euch! Mir fällt auf, dass ich ganz schön ungeduldig bin. Sonst kann ich eigentlich ganz gut mal entspannt in die Luft gucken. Warum mache ich mir Stress? Das ist doch kein Wettbewerb. Ich kann doch nicht erwarten, dass mir die Vögel wie bei Franz von Assisi auf die Hand fliegen und mir nette Geschichten erzählen.

7.15 Uhr. Na also. Eine Kohlmeise fliegt in den Kirschbaum, aber die kleinen roten Früchte sind noch nicht reif. Ich erinnere mich, dass meine Wohngemeinschaft mal auf dem Balkon einer Kohlmeise Haselnüsse angeboten hat. Sie wurde richtig zutraulich, meldete ihr Erscheinen mit Auf-und Abflattern vor dem Fenster. Das Beste war aber, als sie Nachwuchs hatte: Sie zeigte ihren Minimeisen, dass wir eine gute Nahrungsquelle sind. Dieses Familien-Betteln werde ich nie vergessen.

Nun konzentriere ich mich aber wieder auf das Hier und Jetzt. Der erste Mensch in meinem Sichtfeld geht mit seinem Schäferhund Gassi, ich winke ihnen zu. Das soll ihnen zeigen, dass es mir gut geht und ich keine Gefahr darstelle. Klappt.

7.57 Uhr: Eine pechschwarze Amsel, also ein Männchen, wandert über den Rasen im Garten rechts von mir, bedient sich an dem reichhaltigen Angebot an Würmern und Insekten.

8 Uhr: Mit dem ersten Glockenschlag fliegt die Amsel davon. Meine Mission ist erfüllt. Ich freue mich auf einen weiteren Kaffee.

Später werde ich mein Ergebnis dem Verband mitteilen – bis 21. Mai habe ich Zeit. Bin gespannt, was diesmal insgesamt herauskommt. Im vergangenen Jahr hatten fast 61 000 Vogelfreunde aus mehr als 40 000 Gärten mehr als 1,4 Millionen Vögel gemeldet.

8.01 Uhr. Eine mächtige Elster naht und setzt sich in einen Baum. Genau genommen ist es noch nicht ganz 8.01 Uhr. Ich werde dieses prächtige Exemplar dem Nabu melden. Außerdem einen Mauersegler, drei Kohlmeisen, eine Taube, einen Haussperling und zwei Amseln. Und ich nehme mir vor, mich in Sachen Vogelgesang weiterzubilden. Vielleicht denke ich dann ja nie wieder, dass Vögel manchmal morgens brüllen.

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