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Bützower Zeitung

20. November 2017 | 13:08 Uhr

Bützow : Vier unvergessliche Jahre

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Leseraktion: Geschichten vom Leben in der Villa Rose gesucht / Heute erinnert sich Ulrike Ueckermann an ihre Zeit im Internat

Seit Wochen wird an der Villa Rose in der Wismarschen Straße gearbeitet. Der Bützower Volker Hefftler saniert das aus dem Jahr 1924 stammende Gebäude. Die Bützower Zeitung hatte ihre Leser aufgerufen, ihre Geschichten zu erzählen, die sie mit diesem Haus verbinden. Heute erinnert sich Ulrike Ueckermann aus Bützow an ihre Zeit als Internatsschülerin. Sie schreibt unter anderem:


Ein Zimmer mit Ausblick und Balkon


Nach acht Schuljahren in Bernitt besuchte ich von 1966 bis 1970 die Erweiterte Oberschule (EOS) „Geschwister Scholl“ in Bützow. Mit 14 Jahren mehr oder weniger von zu Hause weg. Sonntagabend fuhr ich mit dem Bus, zu dem ich zwei Kilometer mit der Tasche in der Hand laufen musste, ins Internat. Sonnabend nach Schulschluss wieder zurück, meist per Anhalter, denn da fuhr kein Bus und ein Auto hatten wir nicht. Ich möchte den vierjährigen Internatsbesuch nicht missen, gehört doch diese Zeit mit zur aufregendsten meiner Jugend.

Unser Zimmer in der Villa Rose, in dem wir zu fünft wohnten, war das schönste. Es befand sich im Obergeschoss in der Mitte – mit Balkon. Eine Toilette gab es auf der Etage nur eine für alle. Der feuchte kalte Waschraum befand sich im Keller, gruselig!

Das Haus war ausschließlich den Mädchen vorbehalten, was natürlich nicht hieß, dass wir nicht auch mal Jungsbesuch hatten. Besonders entspannt ging es in den warmen Monaten zu, wo wir auf der Wiese die Sonne genießen konnten. Gemeinsam zu lernen machte Spaß, man half sich gegenseitig und spornte sich an. Die Bützower Schüler beneideten uns oft darum und kamen dann und wann vorbei.

Nicht gerade beliebt war die Stubenreinigung. Einmal pro Woche wurde der Fußboden mit Spänen bearbeitet, gewischt und gebohnert. Die anschließende Kontrolle mit Bewertung war ein Graus.

Natürlich war der Tagesablauf geregelt. Es gab feste Hausaufgabenzeiten, vorgeschriebene Freizeit, nur bestimmte Ausgehzeiten und zum Essen hatte man auch pünktlich zu sein. Anfangen nur, wenn alle am Tisch waren und aufstehen erst dann, wenn der Letzte fertig war. Es wurde streng auf Tischsitten geachtet und auch das Abendbrot musste mit Messer und Gabel eingenommen werden. Das war irgendwann so selbstverständlich, dass ich das zum Beispiel auch bei Familienfeiern unbewusst tat und als etepetete hingestellt wurde.

Ferngesehen wurde kaum, aber es gab ein Pflichtprogramm für alle. „Der schwarze Kanal“ von und mit Karl Eduard von Schnitzler. Die Ansage hat sich eingebrannt. Unbeliebt bei allen, aber da musste man durch.


Ärger wegen Minirock und Westmusik


Als die Minimode aufkam und die erste von uns einen entsprechenden Rock trug, wurde das „Problem“ Thema einer Elternversammlung. Fünf Zentimeter über dem Knie, das ging gar nicht, zumal dieser Trend vom Klassenfeind kam. Noch schlimmer war die Diskussion darüber, welche Musik wir hörten. Wir Jugendlichen hörten natürlich solche Sender wie Radio Luxemburg oder den Soldatensender aus dem Westen. Nun sollten wir uns verpflichten, nur Sender des DDR-Rundfunks zu hören. Jede Klasse bekam eine Liste und jeder sollte unterschreiben, dass er keine Westsender hört. Widerstand war zwecklos. Also unterschrieben wir, um dem Ärger aus dem Wege zu gehen. Genützt hat es den Obrigen nicht. Ohne Beatles, Rolling Stones...? Unvorstellbar!

Schmunzeln muss ich noch heute über manche Episode:
So war es uns verboten, unseren Balkon zu betreten. Im Sommer nahmen wir unsere Matratzen raus und schliefen dort. Da keine Überdachung vorhanden war, wurden wir manches Mal vom Regen geweckt.

In den Doppelstockbetten saßen wir schon mal zu fünft, alberten und rangelten herum. Das führte ab und zu dazu, dass wir eine Etage tiefer plumpsten. Da hieß es Geld zusammenzulegen, um den Hausmeister mit einer Flasche Hochprozentigem zu bestechen, dass er am Vormittag die Reparatur vornahm, ohne der Internatsleitung Meldung zu machen.

Ab 22 Uhr war Nachtruhe angesagt. Da kam dann der Internatsleiter (meist mit rotem Kopf vom Feierabendgläschen) kontrollieren, ob alle seine Schäfchen da waren. Er hatte immer seine Freude daran, wenn wir mit unseren Flatterhemden (neudeutsch: Niglige) im Zimmer umherliefen und das Bett aufsuchten. Licht aus und Gute Nacht. – Keine Bange, war immer witzig und völlig harmlos!

Apropos Licht: In unserem Zimmer hing ein großer altmodischer Leuchter mit Glasschalen. Bei Licht und offenem Fenster kamen Hornissen herein und summten in der Lampe. Eine von uns, deren Vater Arzt war, kam auf die Idee, mit Äther das Problem zu lösen. Die Biester kamen ja immer, wenn das Licht brannte. Also Flasche auf und rein mit dem Betäubungsmittel in die Lampenschale. Es gab einen riesen Knall und die Scherben waren im ganzen Zimmer verteilt.... Da konnte uns auch der Hausmeister nicht mehr retten.

Natürlich haben wir auch gut und gerne gefeiert. Aber hier enden meine Erinnerungen. Es muss auch Geheimnisse geben.

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