Bützow : „Viele wollen es nicht wahrhaben“

Trotz vollem Terminkalender hat Astrid Peters als langjährige Schuldnerberaterin nie das Zuhören verlernt.
Trotz vollem Terminkalender hat Astrid Peters als langjährige Schuldnerberaterin nie das Zuhören verlernt.

Die Schuldnerberatung des Arbeitslosenverbandes hat im vergangenen Jahr 76 neue Fälle aufgenommen

svz.de von
12. Januar 2018, 12:00 Uhr

Die deutsche Wirtschaft boomt seit Jahren. Trotzdem bleiben Menschen dabei auf der Strecke. Sie kommen nicht mit dem aus, was sie an Geld zur Verfügung haben und machen Schulden. Die Zahl der Betroffenen ist in der Bützower Region seit Jahren nahezu auf dem gleich hohen Niveau.

„Manchmal kommen Menschen mit Plastiktüten voller ungeöffneter Briefe und Mahnungen“, sagt Astrid Peters von der Schuldnerberatung des Arbeitslosenverbandes in Bützow. „Sie wissen dann gar nicht, wie hoch ihre Schulden tatsächlich sind. Wieder andere bringen alles sauber abgeheftet in Ordnern mit und wollen direkt einen Antrag auf Privatinsolvenz stellen.“ Denn das ist oftmals die einzige Chance, dem enormen Schuldenberg in einem absehbaren Zeitraum zu entfliehen.


Antrag auf Insolvenz oft der richtige Schritt

Im vergangenen Jahr hat Astrid Peters 76 Neufälle aufgenommen, fünf weniger als im Jahr 2016. Dafür habe sich der Bearbeitungsaufwand jedoch vervielfacht. „Jeder möchte natürlich individuell beraten werden und das ist auch wichtig. Aber trotzdem werden die Situationen immer komplizierter, da es nicht immer einfach ist, die zahlreichen Gläubiger zu identifizieren. Das ist aber Voraussetzung für einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren“, erklärt Astrid Peters. Insolvenz – das bedeutet sechs oder bei Verkürzung fünf Jahre diszipliniertes Haushalten mit Geld, um anschließend die Restschulden erlassen zu bekommen.

Im vergangenen Jahr verzeichnete die Schuldnerberaterin 50 Anträge auf Insolvenzverfahren, fünf mehr als im Vorjahr. „Das ist auch oftmals der richtige Schritt. Wer diese harte Zeit durchhält, für den beginnt im Anschluss ein Leben ohne Schulden“, so Astrid Peters. Und auch die Einstellung zu Geld verändere sich in dieser Zeit grundlegend, sodass ein Rückfall in die Schuldenfalle relativ unwahrscheinlich sei.

Viele ihrer Klienten würden schon früh wissen, dass sich übermäßig hohe Schulden angehäuft haben, doch oftmals wollen sie es nicht wahrhaben. „Heutzutage bedeutet der Konsum auch, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Dann will man sich auch nicht unbedingt eingestehen, dass man über seine Verhältnisse lebt. Stattdessen wird oft ein Kredit aufgenommen oder das Konto überzogen. Das zieht sich übrigens durch alle Einkommensschichten“, sagt Astrid Peters.

Probleme würden unter den Tisch gekehrt. Doch es sei wichtig, sich frühzeitig Hilfe zu suchen, bevor der Schuldenberg zu groß werde. Neben den klassischen Kostenfaktoren Miete und Energie sind immer öfter teure Handyverträge und Ausgaben im Internet für Schulden verantwortlich. „Viele können sich ein neues Smartphone nur dadurch leisten, dass sie einen Vertrag abschließen“, erklärt Astrid Peters. Über die gesamte Vertragslaufzeit kosten Handys häufig mehr als beim direkten Kauf. Weiterhin werde es den Verbrauchern immer einfacher gemacht, im Onlinehandel Geld zu lassen. „Ein einfacher Klick genügt.“


Gründe sind niedrige Löhne und Renten

Der Gesamtschuldenberg der 50 Klienten, die sich 2017 auf den Weg ins Insolvenzverfahren gemacht haben, beträgt rund 1,5 Millionen Euro. Die sind sehr unterschiedlich verteilt. Gründe dafür sind aber nicht nur ein verfehltes Kaufverhalten. Oftmals reicht das eigene Einkommen nicht aus, um die Lebenshaltungskosten zu bestreiten, wie zum Beispiel die Miete. „Auch wenn es mittlerweile den Mindestlohn gibt, über den ich sehr froh bin, so finden viele Arbeitnehmer lediglich Anstellungen mit 20 bis 30 Arbeitsstunden pro Woche. Das reicht dann oft nicht aus“, erläutert die Schuldnerberaterin.

Ein weiterer Trend, der sich in den zurückliegenden Jahren abzeichne: Immer öfter verschulden sich ältere Menschen. Das habe mit den niedrigen Renten der Menschen zu tun, die zuvor im Niedriglohnsektor gearbeitet haben. Deshalb sollten junge Menschen auch genau prüfen, bevor sie ein Erbe antreten.

Auch wenn ihr Arbeitsaufwand deutlich zugenommen hat, so freut sich Astrid Peters trotzdem über jeden Klienten, der den Weg raus aus den Schulden schafft. „Es ist immer eine sehr persönliche Arbeit. Ich habe es auch oft einfach mit Schicksalsschlägen zutun“, sagt sie.

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