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Bützower GEschichte : Verein unterstützte Kranke

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Geschichten aus dem Schuhkarton – Teil 118 / Was historische Dokumente aus der Turmspitze des Hospitals erzählen (Teil 3)

Als jetzt die historische Spitze des Hospitals am Pferdemarkt saniert wurde, nachdem der Tornado sie arg ramponiert hatte, wurden auch historische Dokumente gefunden. Unter anderem eine Zeitung von 1878.

Lohnausfall bei Arbeitsunfähigkeit, Arzt- und Arzneimittelrechnungen trieben so manchen Arbeiter vor der von Reichskanzler Otto von Bismarck 1883 durchgepeitschten gesetzlichen Mitgliedschaft in einer der staatlichen Aufsicht unterstellten Krankenkasse in Not und Elend.

Das mag der Grund gewesen sein, warum Friedrich Werner, Herausgeber und Verleger seines Bützow-Schwaaner Abendblatts Der Volksfreund, den Bericht über die alljährliche Generalversammlung des allgemeinen Krankenunterstützungsvereins der Stadt vom 8. September 1878 auf die Titelseite setzte und indirekt für eine Mitgliedschaft und freiwillige Vorsorge warb.


Mitglieder treffen sich in Kramers Hotel


In Kramers Hotel (heute Bützower Hof) hatten sich 121 Mitglieder, die sich aus 20 Ehrenmitgliedern und 101 ordentlichen Mitglieder zusammensetzten, versammelt. Ehrenmitglieder und ordentliche Mitglieder bezahlten den gleichen monatlichen Beitrag von 50 Pfennig. Die Ehrenmitglieder verzichteten jedoch auf eine Unterstützung aus der Kasse.

Der Vorsitzende des Vereins, Direktor des Realgymnasiums Dr. Winckler, gab eine detaillierte Jahresübersicht über die Einnahmen und Ausgaben und wies nach, welchen Nutzen der Verein den kranken Mitgliedern gebracht hat: „an 32 kranke Personen wurde theils baar und theils für Arzt und Apotheke verausgabt die Summe 789 Mk. 55 Pf.“ Insgesamt 740 Krankentage wurden mit 555 Mark unterstützt.

Was sagen uns heute die Beträge? Der Tageslohn eines Arbeitsmannes (meist Ungelernte) betrug damals etwa 2 bis 3 Mark. Der dreimal wöchentlich erscheinende Volksfreund kostete 1,75 Mark im Quartal, die Zeile eines Inserats 10 Pfennig. Kaufmann Stern bot im Anzeigenteil der Ausgabe zum Beispiel „halbwollene moderne Kleiderstoffe in grauen und dunklen Farben Meter 44 Pf., reinwollene breite Elsasser Popelines in allen Farben Meter 110 Pf., coleuerte Herren-Filzhüte 1 Mark 50 Pf., schwarze, hohe Cylinder-Hüte 4 Mark 50Pf., Cigarren Havanna 10 Stück 50 Pf., echte Bahia 25 Stück 1 Mark 50 Pf.“ an. Der Eintritt für ein Konzert mit anschließendem Tanz im Schützenhaus sollte 50 Pfennig kosten.

Am Ende seiner Ausführungen zur Jahresrechnung stellte Dr. Winckler fest, dass der Verein nicht mit Schulden belastet sei und das Barguthaben 208,33 Mark betrage. Schlussfolgernd aus den gewährten Leistungen an kranke Mitglieder resümierte der Vorsitzende: „Wie viel Elend ist da abgewandt worden! Wie viel Sorge ist dadurch von so vielen Familien fern gehalten oder wenigstens erleichtert worden!“

Dem schloss sich der Herausgeber der Zeitung mit dem Appell an: „Möchten doch diejenigen dem Arbeiterstande angehörigen hiesigen Einwohner, die dem Verein noch nicht beigetreten sind, das bedenken; bedenken, dass der aus der Bürgerschaft selbst gegründete Verein nur das Wohl der weniger bemittelten Einwohner im Auge hat; bedenken, dass Hülfe in der Noth nur denen kommt, die selbst ihre Schuldigkeit thun. Wie mancher denkt erst daran, dass er hätte dem Verein beitreten sollen, wenn er schon krank daniederliegt und dann nach den Statuten nicht mehr aufgenommen werden kann.“

Nach der Verlesung des Jahresberichts wurde die Neuwahl des Vorstands vorgenommen Der Bestand aus einem Magistratsmitglied und dem Kassierer als ständige Mitglieder, seinerzeit Senator Dr. Wigger beziehungsweise Schmiedemeister Voth. Zu den weiteren sieben Mitgliedern, die alljährlich per „Acclamation“ (offene Abstimmung per Handzeichen) zu wählen waren, wurden Arbeitsmann Fehmer, Medizinalrat Dr. Griewank, Tischlermeister Lembke, Arbeitsmann Steinfatt, Oberlehrer Dr. Stötzer, Arbeitsmann Thoms, Direktor Dr. Winkler (Vorsitzender) wiedergewählt. Zu den Revisoren für die Jahresrechnung wurden Kaufmann Küchenmeister und Gastwirt Kramer durch den Vorstand ernannt.


Rasenstück hilft Pferde heilen


Am Ende der Zeitung folgten etliche „Intelligenz-Sachen“ (Mitteilungen Magistrat und Gericht), Anzeigen von Kaufleuten und Restaurantbesitzern sowie Tipps für Hausfrauen, Tierhalter und Ackerbürger. Kurios erscheint ein „Einfaches Mittel zur Heilung des Satteldrucks“: „Einem stark, aber nicht wund gedrückten Pferde wurde ein frisch gestochenes Rasenstück aufgelegt und über Nacht liegen gelassen, worauf am folgenden Morgen die Geschwulst gänzlich verheilt war.“

Merkwürdig auch das Versprechen eines Unbekannten aus der Faulen Grube 131 (heute Mantzelstraße 11), Zahnschmerzen sowie Zahn- und Kopfflüsse binnen weniger Minuten zu beseitigen. Zu diesem Zeitpunkt wohnten in dem Haus die Familien des Schuhmachermeisters Heinrich Ohlmann und des Gelbgießers (Gießen von Messing oder Bronze in Formen) Albert Sievert.












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