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Bützower Zeitung

24. November 2017 | 16:17 Uhr

Bützow : Treffen gegen das Vergessen

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Ehemalige politische Gefangene treffen sich in Bützow. Aufarbeitung und gemeinsamer Austausch im Fokus

Sie verweigerten den Wehrdienst oder unternahmen Fluchtversuche in den Westen, sie verteilten regimefeindliche Flugblätter und machten sich des Geheimnisverrats schuldig: politische Gefangene in der DDR. Mit dem Beginn des 14. Bützower Häftlingstreffens im Bützower Rathaus erinnern Männer und Frauen, die während der sowjetischen Besatzungszeit und der SED-Diktatur inhaftiert waren, an ihre Vergangenheit. Das Motto: „Das Jahr 1956“, das Mitorganisator Martin Klähn vom Verein Politische Memoriale wegen der anti-stalinistischen Geheimrede Chruschtschows als „Schicksals- und Wendejahr in der europäischen Geschichte“ bezeichnete.

Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern auch der gegenseitige Austausch. „Wir haben 65 Anmeldungen aus der Region, aber auch Gäste aus Hamburg, Düsseldorf und Wien“, sagt Martin Klähn. Organsiert wird der jährliche Treff vom Verein Politische Memoriale, der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Landeszentrale für politische Bildung und dem Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen.

Unter den Gästen ist der gebürtige Bützower Uwe Kaspereit, der 26 Monate in Haft war – davon vier Wochen in seiner Heimatstadt. Sein Verbrechen: der Wunsch nach Freiheit. 1977 stellte der damals 19-Jährige erstmals einen Ausreiseantrag. Dieser wurde nicht nur abgelehnt, danach wurde Kaspereit auch in der Kartei der Stasi registriert. Ein Jahr später versuchte Kaspereit seinem Antrag Nachdruck zu verleihen, verteilte Flugblätter für Frieden und Abrüstung. Diesen Ruf nach Menschenrecht bezahlte er mit neun Monaten Haft. Die Kontrollmaßnahmen nach der Entlassungen blieben Repressalien, darunter ein Umgangsverbot mit Freunden, die Wegnahme des Passes und das Verbot, die Stadt Bützow zu verlassen. Ein Verstoß führte zu weiteren 15 Monaten Haft.

Nicht nur bei ehemaligen Häftlingen stößt das Treffen auf Interesse. Unter den Gästen ist mit Dieter Schmidt auch ein ehemaliger bundesdeutscher Zollbeamter, der von 1968 bis 1990 im Grenzgebiet Büchen tätig war. „Ich wurde in der DDR geboren, floh mit meinen Eltern aber 1955 in den Westen“, sagt er. Dem 71-Jährigen geht es darum, dass die besondere innerdeutsche Grenzgeschichte nicht in Vergessenheit gerät. 1969 floh ein DDR-Grenzsoldat mit seinem Hund vor seinen Augen, erzählte ihm im Anschluss von der minutiös geplanten Flucht. Während der Mann in Büchen blieb, gaben die Beamten den Hund drei Tage später an die DDR-Grenztruppen zurück.

In den nächsten beiden Tagen wird beim Häftlingstreffen die Vergangenheit aufgearbeitet und der Bezug zur Gegenwart hergestellt. Dafür ist heute im Gymnasium ein Treffen geplant, in dem ehemalige Häftlinge ihre Erlebnisse mit den Schülern teilen.

Das heutige Programm

9 Uhr: „Der ungarische Volksaufstand 1956“ – Vortrag  von György Dalos, ungarischer Schriftsteller und Historiker

11 Uhr: „Schwierigkeiten mit der Wahrheit: Walter Janka und die Gruppe Harich“ – Guntolf Herzberg, Historiker

12.30 Uhr: Mittagspause

14.15 Uhr: Präsentation zur DDR-Geschichte durch Schüler des Gymnasiums, Vorstellung der  Zeitzeugen mit anschließenden Gesprächsrunden zwischen Schülern und ehemaligen Häftlingen

16.30 Uhr: „Die Gründung der Nationalen Volksarmee 1956“ – Dr. Rüdiger Wenzke, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr

18 Uhr: Abendessen

19.30 Uhr: Spielfilm zum  Slánský-Prozess, 1952: „Das Geständnis“ Costa Gavras 1970 im Pferdemarktquartier, Pferdemarkt 8

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