Bützow : Sinnvoll statt einfach nur voll

Bei Aktionen wie dieser, als spontan gegrillt wurde, versammeln sich viele Jugendliche im Domizil und verbringen gemeinsam – und vor allem sinnvoll – ihre Zeit.
Foto:
1 von 2
Bei Aktionen wie dieser, als spontan gegrillt wurde, versammeln sich viele Jugendliche im Domizil und verbringen gemeinsam – und vor allem sinnvoll – ihre Zeit.

Die SVZ stellt die Anlaufpunkte für Kinder und Jugendliche in der Region vor. Teil 2: Das Domizil

svz.de von
10. April 2017, 09:00 Uhr

Nachdem wir zum Auftakt unserer neuen Serie, die die Anlaufpunkte für Kinder und Jugendliche auf Herz und Nieren prüft, vorgestellt haben, ist nun das Domizil in Bützow an der Reihe. Während der Freizeittreff als Ort zum Malen und Basteln für Kinder ist, steht im Domizil etwas ganz anderes an der Tagesordnung. Nämlich Jugendliche sinnvoll zu beschäftigen, damit sie keine Dummheiten anstellen.

„Wir sind hier nicht so oft kreativ“, sagt Domizil-Leiterin Anke Dose, „wir haben andere Sachen im Fokus“. Das Ziel sei es, eine Möglichkeit der sinnvollen Freizeitbeschäftigung zu bieten, „sodass die Jugendlichen nicht zu Hause oder an der Bushaltestelle hocken, Bier trinken oder kiffen.“ Anke Dose benennt die Probleme ganz offen, denn sie weiß, wie es um die Jugendlichen heutzutage bestellt ist. Mit ihren 32 Jahren ist die Dabelerin sprachlich und vom Wesen her nicht weit weg von den Jugendlichen.


Prävention statt Schere und buntem Papier


Statt buntem Papier und Bastelscheren ist der Alltag im Domizil geprägt vom gezielten Arbeiten gegen Straffälligkeit sowie gegen den Umgang mit Drogen und Alkohol. „Das sind immer wieder Themen, mit denen ich gemeinsam mit den Jugendlichen arbeite“, sagt Anke Dose. Die Dabelerin weiß noch, wie ein Jugendlicher mal betrunken zu einer Veranstaltung ins Domizil kam. „Da musste ich aktiv werden.“ Die Folge: Ausschluss und Hausverbot. Die Hausordnung verbietet Alkohol und Drogen. Anke Dose habe eine Nase dafür, Alkohol zu riechen und an den Augen zu sehen, ob jemand gekifft hat.

Anke Dose macht erschreckende Erkenntnisse. So würden Jugendliche immer früher und auch schlimmer mit Alkohol und Drogen in Kontakt kommen. „Sie hauen sich auch chemische Sachen in den Körper ohne zu wissen, was das wirklich ist.“ Sie sei auch mal jung gewesen und könne genau deswegen den Zeigefinger heben. Sie weiß aber auch, dass sie nur reden kann. „Mehr kann man nicht machen. Wenn die Türen hier schließen, hat man keinen Einfluss mehr.“ Die Staatlich anerkannte Erzieherin betont aber, dass ihr alles zu Ohren kommt.

Aufgrund dieser Entwicklungen sei es immens wichtig, die Jugendlichen sinnvoll zu beschäftigen. Zu den regelmäßigen Aktivitäten zählen diverse Sportarten, Gesellschaftsspiele oder gemütliche Zeiten an der Feuerstelle. Die Jugendlichen können sich an den beiden Wii-Spielekonsolen austoben, den Medienraum nutzen oder sich ruhige Minuten in der Leseecke gönnen. Auch gemeinsames Kochen steht regelmäßig auf dem Plan, genau wie das Musizieren. Hin und wieder stehen auch Ausflüge wie in den Hansa Park, den Kletterwald, Kanutouren oder andere Aktivitäten an. Einige Male im Jahr wird im Domizil auch übernachtet, etwa wenn die Gruselnacht in Kooperation mit dem Freizeittreff stattfindet. Und im August steht eine Tour mit sieben Jugendlichen ins Elbsandsteingebirge an.

„Es ist wichtig, Nischen zu schaffen, wo die Jugendlichen sich aufhalten können. Auch mal ohne Aufsicht. Sie wollen nicht immer beaufsichtigt werden“, sagt Anke Dose. Aber: „Ich habe trotzdem überall meine Augen.“ Ihr Credo beruht auf drei Schwerpunkten: Spaßpädagogik, gezielte Angebote und Einzelfallhilfen.


Ansprechpartner für heikle Themen


Anke Dose spielt die entscheidende Rolle im Domizil. Zwar sei sie nicht die „Mutti“, aber dennoch sei sie Ansprechpartner für so manch heikles Thema, über die Jugendliche teilweise nicht mit Freunden oder Familie sprechen, sondern nur mit ihrer Anke. Einige würden aus schwierigen Verhältnissen kommen, seien motivationslos, andere haben ihre Ausbildung abgebrochen. „Vom kleinen Liebeskummer bis zur Gewalt in der Familie ist alles dabei“, berichtet Anke Dose. So sei auch das Jugendamt immer mal wieder Thema. Aber immer nur in Rücksprache mit den Jugendlichen, betont die 32-Jährige. Teilweise seien auch Elterngespräche geplant gewesen, aber die Eltern kamen nicht.

Der soziale Hintergrund spielt im Domizil aber keine Rolle. Jeder sei willkommen. „Man wird gleich aufgenommen“, sagt Nino Kielmann. Der 18-Jährige spreche aus eigener Erfahrung. Mittlerweile ist er regelmäßig vor Ort. Genau wie Marius Guhrke. Der 21-Jährige gehört quasi zum Inventar des Domizils. „Gut ist, dass man hier nicht nur auf einen Kreis trifft. Die Meinungen sind komplett unterschiedlich.“ Auch Annabell Schröder schätzt die Arbeit und das Angebot des Domizils. Sie sei Einzelkind, die Eltern würden viel arbeiten. „Sonst wäre ich viel allein zu Haus“, sagt die 16-Jährige. „Wir haben hier unsere Ruhe“, fährt Marius fort. „Es ist nicht unser Zuhause, aber es ist irgendwie unser Zuhause.“ Nino hofft, dass das Domizil noch lange erhalten bleibt, um auch in Zukunft weiterhin sinnvoll zu wirken. „Die Stadt kriegt sonst Probleme.“ Er vermutet, dass viele sonst in den Bushaltestellen saufen würden. „Das Domizil verhindert das.“


Gremium als Sprachrohr vor den Politikern


Die drei Jugendlichen sind auch Mitglied im Jugendklub-Beirat. Das fünfköpfige Gremium spricht des Öfteren bei der Stadt vor, steht für die Belange seiner Generation ein und verschafft ihm Gehör. Der Beirat sprach auch vor, als 2013 die Schließung des Domizils im Gespräch war.

Das Verhältnis zur Stadt, die Träger des Domizils ist, sei ein gutes. „Ich kann meiner Arbeit vernünftig nachgehen“, sagt Anke Dose. Geld sei nicht alles. „Für gute Arbeit braucht man kein Material.“ Aber auch in finanzieller Hinsicht hängt der Haussegen grade. „Ich kann mich nicht beschweren, dass seitens des Trägers nichts passiert.“ Das Domizil sei wie ein „angenommenes Kind“ – nicht immer die Nummer eins, wenn Geld ausgegeben wird, aber auch nicht vergessen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen