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Besonderer Beruf : Seine Patienten sind eingesperrt

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Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Dr. Mathias Wolschon gibt Einblicke in seine Arbeit als Gefängnis-Zahnarzt in der Justizvollzugsanstalt in Bützow

svz.de von
erstellt am 19.Feb.2016 | 08:00 Uhr

Ein helles Behandlungszimmer, medizinische Instrumente liegen auf einem kleinen Tablett, eine Arzthelferin steht daneben – eine alltägliche Situation in einer Zahnarztpraxis. Mit einem Unterschied: Der Patient ist Strafgefangener der Justizvollzugsanstalt in Bützow.

Dr. Mathias Wolschon ist seit 1991 niedergelassener Zahnarzt in der Warnowstadt. Erst als Urlaubs- und Krankheitsvertretung eingesetzt, behandelt er seit 2001 in einem festen wöchentlichen Rhythmus die Insassen des Bützower Gefängnisses. „Schon der Weg zur Arbeit ist ganz anders als der zu meiner eigenen Praxis: Ausweiskontrolle am Eingang und durch zehn Türen durch bis ich endlich im Behandlungszimmer bin“, sagt Wolschon. Die Ambulanz sei ein abgeschlossener Bereich in der JVA. Der Bützower Zahnarzt habe noch das Privileg einen Schlüssel für die Türen zu haben, so bleibe eine gewisse Eigenständigkeit hinter den Mauern erhalten. „Ich kann mir vorstellen, dass Kollegen, die keinen Schlüssel haben, sich etwas beklommen fühlen.“

In der JVA arbeiten mehrere Ärzte aus verschiedenen medizinischen Bereichen. „Wir haben unsere Behandlungszimmer auf einem Flur. Der gegenseitige Austausch, der dabei zwangsläufig entsteht, ist sehr interessant“, so der Zahnarzt. Im Unterschied zu seiner eigenen Praxis werde sein jeweiliger Patient im Wartezimmer eingeschlossen und dann in Begleitung zur Untersuchung geführt. Während der Behandlung befinde sich außer der Arzthelferin lediglich der Patient im Raum. „Dadurch, dass kein Vollzugsbeamter mit im Zimmer ist, besteht natürlich ein gewisses Risiko für uns. Aber nur auf diese Weise ist die ärztliche Schweigepflicht zu gewährleisten.“

In der Regel werde Wolschon als Externer von den Gefangenen respektiert. „Ich gehöre für sie nicht zum Apparat. Ich bin quasi ein Gast“, sagt er. Doch komme es auch vor, dass er sich von Gefangenen beschimpfen lassen muss und dann beispielsweise als „Schlächter“ bezeichnet wird. „Wenn man im Gefängnis arbeitet, muss man sich natürlich auf ein besonderes Klientel einlassen, dass auch verbal verletztend sein kann“, sagt Wolschon. Er selbst nehme sich in solchen Situationen zurück. Darüber hinaus müsse er sich stets bewusst sein, dass die Häftlinge bisweilen ein hohes Maß an Impulsivität an den Tag legen. „Den meisten in der JVA fehle es an Selbstkontrolle. Auf Stress reagieren deswegen einige schnell gewaltbereit.“ Der Bützower Zahnarzt hat dieses Verhaltensdefizit bereits am eigenen Leib spüren müssen.

Ein hühnenhafter Häftling sei einmal in sein Behandlungszimmer gekommen mit der deutlichen Aussage, sich vom Arzt nicht anfassen lassen zu wollen. „Als ich während der Untersuchung seinen schmerzenden Zahn berührte, sprang er auf und schubste mich weg. Ich dachte, nun kriege ich etwas ab“, erzählt Wolschon. Eine halbe Stunde später wurde der Patient erneut dem Arzt vorgesetzt. Der Gefangene entschuldigte sich bei Wolschon und unterzog sich der Behandlung.

Immer wieder komme es vor, dass Wolschon auch eine therapeutische Funktion einnehme. Häftlinge sprechen mit ihm über ihre Taten und eröffnen dem Zahnarzt, dass sie diese bereuen. „Das sind natürlich schöne und dankbare Momente. Das motiviert mich auch, weiterzumachen“, so Wolschon. Seine Menschenkenntnis habe sich in den Jahren als Zahnarzt in der JVA auch merklich verbessert. Im Vergleich zur seiner Anfangszeit habe sich vor allem sein Blickwinkel auf die Patienten verändert. „Am Anfang war ich noch etwas ängstlicher. Wenn ich einen Patienten hatte, sah ich vor allem die Straftat und nicht die Person. Mittlerweile sind die Häftlinge für mich normale Patienten, die mit einer Krankheit zu mir kommen.“

Seine Kollegen außerhalb der JVA stehen seiner Arbeit neugierig gegenüber. Seine Familie müsse bisweilen jedoch Einschnitte im Privatleben hinnehmen. „Es kommt schon vor, dass Gefangene auf meine Kosten ihre Machtspiele ausüben. So wurde ich schon mal an Weihnachten für einen angeblichen Notfall in die JVA gerufen. Doch das Ganze stellte sich als Lappalie heraus.“

Trotz dieser Unannehmlichkeiten empfehle der Bützower Zahnarzt Kollegen und angehenden Ärzten die Erfahrung als Gefängnis-Zahnarzt zu machen.

„Es ist jedoch wichtig, bestimmte Voraussetzungen für den Job mitzubringen. Man brauche bei dem Umgang mit Gefangen ein selbstbewusstes Auftreten. Männer werden für die Stelle eher genommen. Oder man sollte jahrelange Erfahrungen vorweisen können wie bei meiner Kollegin Gisela Fischer, die montags Sprechstunde als Zahnärztin in der JVA hat“, sagt Mathias Wolschon.

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