Rühn : Ostflügel älter als die Kirche?

Mit Bildern vom Kloster Rühn stellte Bauhistoriker René Lutze seine neuesten Erkenntnisse vor.
Mit Bildern vom Kloster Rühn stellte Bauhistoriker René Lutze seine neuesten Erkenntnisse vor.

Bauhistoriker René Lutze stellte seine gewonnenen Erkenntnisse über das Kloster vor

svz.de von
21. April 2017, 05:00 Uhr

Müssen die Informationstafeln auf dem Gelände des Rühner Klosters möglicherweise überarbeitet werden? Zumindest hat Bauhistoriker René Lutze neue Erkenntnisse gewonnen, Thesen aufgestellt und diese am Mittwochabend im Kloster vorgetragen. Insbesondere hat sich der Greifswalder mit dem Ostflügel beschäftigt.

René Lutze erklärte, dass er die Infotafeln sowie weitere Informationen aus Pubilikationen, Aufsätzen und Co. zwar zur Kenntnis nehme, schenkt ihnen aber nicht blind Glauben. Denn neben der Dokumentation ist das Gewinnen neuer Erkenntnisse sein Job und auch seine Leidenschaft.

Was nach dem Entputzen für den Laien schlichtweg wie eine Wand aus Backstein aussieht, gibt dem Greifswalder wertvolle Erkenntnisse. So würden sich beispielsweise am Südflügel der Ostfassade des Ostflügels Materialien vorfinden lassen, die auf verschiedene Epochen deuten. An der Wand wurde also gewerkelt, und das nicht nur einmal. Einige Bögen und Fenster scheinen nachträglich eingebracht worden zu sein. All dies liest André Lutze aus den Steinen.

Das wohl bemerkenswerteste ist jedoch Lutzes Vermutung darüber, dass im Verhältnis zwischen der Kirche und dem Klausurgebäude ein Ungleichgewicht herrscht. In der Regel, so ist es an vielen anderen Orten, wurden die Kirchen zuerst errichtet. In Rühn scheint dies nicht der Fall zu sein. Die Erkenntnisse Lutzes lassen darauf schließen, dass der Ostflügel älter oder zumindest zur gleichen Zeit wie die Kirche genbaut wurde.

René Lutze erklärte den neugierigen Zuhörern, dass er in einem Dilemma stecke. Denn über die Kirche sei zu wenig geforscht worden bislang, als dass man bessere Erkenntnisse haben könnte. Definitiv seien aber Bezüge zwischen Kirche und Klausurgebäude gegeben. Die Kirche würde außerdem zurückgesetzt stehen. „Das ist merkwürdig“, merkte Lutze an. Dies könnte bedeuten, dass die Kirche auch in der Wertigkeit eine untergeordnetere Rolle im Vergleich zum Klausurgebäude inne hatte. In Rühn sei von einem baulichen Grundschema, das sich europaweit vorfinden lasse, abgewichen worden. „Das ist eine komische Sache hier in Rühn, ein Alleinstellungsmerkmal“, sagte René Lutze. Ihn verwundere es aber auch, dass auf diesen Fakt bislang in Publikationen noch nicht eingegangen wurde.

Zudem lassen die Gewölbe im oberen Teil des Ostflügels darauf schließen, dass es sich um ein Dormitorium gehandelt haben müsste. Fensteröffnungen bekräftigen diesen Schluss, da im Osten die Sonne aufgeht. „Das spielt in der Liturgie der Nonnen eine wichtige Rolle“, erklärte der Bauhistoriker.

Erstaunt zeigte sich Lutze auch über die Größe des Klausurgebäudes und der Kirche. Im Vergleich zu anderen Klosteranlagen würden diese nämlich sehr groß sein. Laut Lutze lässt das Schlüsse über die personelle Besetzung in der Anfangszeit im 13. Jahrhundert zu. Zudem sei wenig später woanders ein Tochterkloster gegründet, was zudem für eine große Personalstruktur spreche.

In nahezu jedem Winkel, Giebel und Backstein verbirgt sich ein Geheimnis im Rühner Kloster – oder zumindest wertvolle Erkenntnisse. So werfe beispielsweise eine Gruft unter dem Ostflügel viele Fragen auf. René Lutze referierte über viele Schlüsse und Theorien, untermalte seine Erkenntnisse und Thesen mit Bildern. Da der Abend nicht zuließ, auf alles einzugehen, stellte er einen zweiten Vortragsabend in Aussicht.

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