Bützower Schüler werden zu Rettern : "Ohne Euch würde ich nicht hier sein"

Natalie und Maximilian Kubanek, Yves-Pascal Thorentz und Pieerre Fuhlbrügge (stehend von links nach rechts) freuen sich, dass es Hans Jührendt wieder besser geht.  Fotos: Ralf Badenschier
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Natalie und Maximilian Kubanek, Yves-Pascal Thorentz und Pieerre Fuhlbrügge (stehend von links nach rechts) freuen sich, dass es Hans Jührendt wieder besser geht. Fotos: Ralf Badenschier

Der 67-jährige Hans Jührendt würde heute möglicherweise nicht mehr leben, wenn es nicht fünf aufmerksame Jugendliche der Käthe-Kollwitz-Schule gegeben hätte. Sie wurden durch Zufall zu seinem Retter.

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29. Mai 2013, 07:28 Uhr

Bützow | An jenem 18. März gibt es viele Zufälle. Am Ende des Tages steht die Erkenntnis: Der 67-jährige Hans Jührendt würde möglicherweise heute nicht mehr leben, wenn es nicht fünf aufmerksame Jugendliche der Käthe-Kollwitz-Schule gegeben hätte. "Danke, danke, danke", sagte der Bützower gestern den Schülern und kann dabei seine Tränen nicht zurückhalten. Er sitzt auf eine Stuhl im Klassenraum, zwei Krücken links und rechts, denn ohne die kann er noch immer nicht gehen. In der Hand hält er kleine Geschenke.

Rückblende: Hans Jührendt hat an der so genannten Heiztrasse, dem unbefestigten Weg zwischen dem Wohngebiet Karl-Marx-Straße und dem Rühner Landweg, einen Garten. "Noch hinter den Garagen. Ich wollte an jenem Tag nur in den Garten, die Vogelhäuschen mit neuem Futter füllen", erzählt Jührendt. Und da passiert es. Unter dem frischen Schnee, der zweiten Winterperiode, hat sich in jenen Wochen Eis gebildet. Der 67-Jährige stürzt und erleidet einen Oberschenkelhalsbruch. Doch das stellt sich erst später heraus. "Ich lag dort im Schnee, konnte mich nicht bewegen und kein Mensch kam vorbei." Ein Handy besitzt der Senior nicht. "Mit diesem neumodernen Zeug habe ich nichts am Hut."

Zur selben Zeit, etwa 1000 Meter entfernt, in der Käthe-Kollwitz-Schule. "Ich hatte eine Stunde Unterrichtsausfall", erzählt Natalie Kubanek. Die Eickelbergerin wusste, im Rühner Landweg hält ein Linienbus. Damit käme sie eine Stunde früher nach Hause, als mit dem regulären Schülerbus, der direkt vor dem Schulkomplex hält. Die Neuntklässlerin macht sich mit ihrem Bruder Maximilian, der in die siebente Klasse geht, und den Achtklässlern Pierre Fuhlbrügge aus Bützow, Yves-Pascal Thorentz aus Tarnow und Melissa Kolip aus Bützow zu Fuß auf durch den Gummiweg. Eigentlich hätten sie die Schule nicht verlassen dürfen. "Erst hieß es ja, dann nein", erinnert sich Natalie an jenen Tag. Doch da waren die Schüler schon unterwegs.

Zurück zum Unfallort: "Ich lag schon eine Stunde im Schnee, da sah ich, wie sich die Gruppe näherte. Ein Glück habe ich eine laute Stimme", schildert Hans Jührendt. Einer der Jungs hört die Hilferufe. Die Schüler eilen sofort zum Verunglückten. "Die Jungs haben ihre Jacken ausgezogen und Herrn Jührendt damit abgedeckt. Wir wollten ihn nicht bewegen, wussten ja nicht, was er hat. Wir wollten nichts falsch machen", erzählt Natalie, die gerade eine Ausbildung als Jugendgruppenleiterin absolviert. Per Handy informiert sie den medizinischen Notdienst. Zwei Jungs laufen zur Straße, um den Einsatzwagen abzufangen. Denn, die bei viele Bützowern bekannte Bezeichnung "an der Heiztrasse" kannten die Schüler nicht, sie kennen ihn als "Weg an den Rohren". So fährt der Einsatzwagen auch erst an den winkenden Schülern vorbei.

Hans Jührendt kommt völlig unterkühlt in die Warnow-Klinik. Er wird operiert, verliert viel Blut. "Die Ärzte haben mir gesagt, es hätte noch schlimmer ausgehen können." Nach dem Krankenhaus folgt die Reha in Schwaan-Waldeck. Aufgrund einer Vorerkrankung wird Hans Jührendt noch viele Monate auf die Krücken angewiesen sein, der Heilungsprozess noch sehr lange dauern.

Fast so kompliziert wie die Verletzung erweist sich auch die Suche nach den Helfern, bei denen sich der Bützower unbedingt bedanken will. Zumal sich Jührendt zunächst nur an zwei Schüler erinnern kann. Die Tochter, die in Hamburg wohnt, recherchierte per Telefon. Doch das ist nicht leicht, denn der Datenschutz verbietet die Weitergabe von Namen, auch in einem solchen Fall. So erfährt der 67-Jährige auch erst gestern, dass es sogar fünf Schüler waren, die ihm geholfen haben. Auch seine beiden Söhne und die Tochter sind sehr dankbar, haben sie doch bereits vor Jahren die Mutter sehr früh verloren.

Für die Schüler war ihr Einsatz selbstverständlich. "Das hat doch was mit Menschlichkeit zu tun", sagt Pierre Fuhlbrügge, der Mitglied der Feuerwehr in Zernin ist und demnächst seine Grundausbildung beginnt. "Das würden wir immer wieder so machen", ergänzt Yves-Pascal Thorentz, der als Rettungsschwimmer wie der Feuerwehrmann schon einen Erste-Hilfe-Kurs belegt hat.

Und Hans Jührendt denkt jetzt darüber nach, sich doch ein Handy zuzulegen. Denn nicht immer sind solche Schutzengel da.

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