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Stolperstein soll in Schwaan an Arzt erinnern : Nazis treiben Arzt in den Freitod

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Damit die Gräueltaten, die die Nationalsozialisten an den Juden verübten, auch in Zukunft nicht vergessen werden, erinnern Stolpersteine an deren Schicksal. In Schwaan soll Dr. Paul Marcus solch einen Stein erhalten.

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erstellt am 05.Apr.2013 | 11:48 Uhr

Schwaan | "Hier wohnte Dr. Paul Marcus." Ein gülden-farbener Stein mit dieser Aufschrift wird bald vor der Hausnummer 7 am Pferdemarkt liegen. Die Mitglieder des Ordnungsausschusses haben sich dafür ausgesprochen, einen Stolperstein vor diesem Gebäude in den Boden einzulassen. "In dem Haus hat der Arzt Dr. Paul Marcus gelebt, der bei den Schwaanern sehr angesehen war", sagt Ausschussmitglied Klaus Niemann. Allerdings wurde der Arzt wegen seiner jüdischen Wurzeln nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 mehr und mehr diffamiert, so dass er sich 1936 das Leben nahm.

Seniorin initiiert Stolperstein für Doktor

Peter Bartels aus Dresden hatte den Antrag gestellt und den Anstoß gegeben, den Stolperstein in den Boden einzulassen. "Meine Mutter Elfriede war als junges Mädchen oft bei Dr. Marcus und hat oft von ihm erzählt", sagt Bartels, der jetzt als Stadtrat in Dresden wirkt und auch die Kosten für den Stolperstein tragen wird. Die rüstige Seniorin, die jetzt in Schwerin lebt, erinnert sich gern an die Zeit in Schwaan zurück. "Sobald die Ferien begannen, stand schon das Auto vor der Tür und hat uns zu Dr. Marcus gefahren", erzählt die heute 91-Jährige. Sie habe damals in Fahrenholz gelebt. Die Schwester ihres Vaters sei die Haushälterin bei Dr. Marcus gewesen. "Eigentlich waren sie zusammen, aber das durfte man ja damals nicht sagen", erzählt Elfriede Bartels. Als Kinder haben sie und ihre Schwester Inge bei dem "Onkel Doktor" - so nannten sie ihn liebevoll - im Sommer für einige Wochen gewohnt und unter anderem mit der Tochter seines Fahrers gespielt. "Das war damals Gummi-Twist oder auch Murmeln", erinnert sie sich.

Ein Bett voller Geschenke

Interessante Randnotiz: In den ersten Jahren hat der "Fahrer" den Arzt noch per Kutsche zu den Patienten gebracht. Später legte sich Paul Marcus ein Auto zu und ermöglichte es seinem "Fahrer" , die Fahrerlaubnis zu machen und den Pkw zu steuern.

Zurück zum Arzt: Die kleinere der beiden Schwestern, Inge, war offenbar das Nesthäkchen des Arztes und der Haushälterin, die ihre Tante war. "Es wurde mir von beiden Tanten mein Bett mit Geschenken voll gelegt und als ich die Decke aufschlug, habe ich sie gesehen", erinnert sich Inge Stark, die jetzt 86 Jahre alt ist.

Generell war Paul Marcus sehr großzügig, hat auch bei seinen Patienten nicht so sehr auf jeden Groschen geschaut. "Wenn ein Mensch mal kein Geld für die Medizin hatte, dann hat er sich eben Futter für sein Pferd geben lassen", erzählt Elfriede Bartels. Ganz klar: Das Wohl der Patienten stand für Paul Marcus an erster Stelle. Wenn er zu Patienten gerufen wurde, sei er sofort losgefahren. Der zweite Arzt, den es damals auch noch in Schwaan gab, habe meist erst noch sein Kartenspiel zu Ende gebracht und sei dann zu dem jeweiligen Patienten aufgebrochen, sagt Elfriede Bartels.

Mit Paul Marcus hat sie aber auch nach dessen Arbeit abends noch erzählt, Karten gespielt oder sich Bilder von seiner Familie zeigen lassen. "Eine Zeit lang hat sogar seine Mutter noch bei ihm gelebt", fügt sie hinzu.

Doch die schönen Jahre waren mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 vorbei. In den Aufzeichnungen von Schwaans Historiker Fritz Luckmann heißt es dazu: "Eine immer deutlicher gegen ihn wie auch die anderen jüdischen Familien entfachte Pogromstimmung, die sich in immer neuen erniedrigenden Schaufenster- und Hauswandschmierereien kundtat, mag es gerade diesem Menschen frühzeitig deutlich gemacht haben, wohin die ,Fahrt geht." Ein "schwieriges Arbeitsverhältnis" mit einer sich ihres "Ariertums" offenbar allzu bewussten Sprechstundenhilfe tat ihr übriges, um "die Kräfte von Paul Marcus" zu erschöpfen.

Im Sommer 1936 hielt es der Arzt nicht mehr aus - er vergiftete sich.

Als der Tod des beliebten Arztes in Schwaan die Runde machte, war die Anteilnahme riesengroß. "Es gingen Menschen über Menschen hinter dem Trauerzug her", erzählt Elfriede Bartels.

Große Anteilnahme am Trauerzug

Auch Fritz Luckmann findet in seinen Aufzeichnungen markante Hinweise darauf, dass Paul Marcus in der Stadt sehr beliebt gewesen sein muss.

So heißt es in den Erinnerungen von Heinz Däblin: "Da Särge in damaligen Jahren noch in offenen Leichenwagen durch die Stadt zum Friedhof gefahren wurden, wurde diese Beerdigung zu einer kleinen ,Demonstration. Es muss erstaunlich gewesen sein, wie viele Schwaaner Bürger es trotz aller Beargwöhnung wagten, hinter dem Leichenwagen durch die Stadt einherzugehen und auf diese Weise ihre letzte Teilnahme zu bekunden. "

Für Elfriede Bartels war der Tod des Arztes ein herber Verlust. "Ich hatte sehr damit zu tun, den Tod zu überwinden", sagt sie. Dennoch: Sie möchte die Zeit bei diesem Arzt niemals missen.

Schade findet sie nur, dass auf dem Grab, das nach der Beerdigung mit Blumen und Kränzen übersäet war, kein Grabstein vorhanden ist.

Sie würde es gut finden, wenn der auch noch gefunden würde, meint sie.

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