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Bützower Zeitung

16. Oktober 2017 | 23:54 Uhr

Bützow : Nah am Himmel gebaut

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Die SVZ-Sommertour führte Leser gestern beim Besteigen einer Windkraftanlage 80 Meter über den Erdboden

svz.de von
erstellt am 18.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Mit einem festen Ruck zieht Hennig Voß seinen Gurt fest. Die orangenen Sicherungen sind Pflicht für jeden der 18 Anwesenden. Denn gleich geht es steil hinauf – beim Besteigen eines Windrads. Überall um ihn herum klirren Karabinerhaken, die Leute flüstern. Aufregung liegt in der Luft, aber auch Vorfreude. Denn als achte Station der SVZ-Sommertour kletterten 14 Leser auf eine Windkraftanlage bei Mistorf.

Die Leser haben sich in dem kreisrunden Raum einer größeren Anlage eingefunden, empfangen ihr Sicherungszeug von Johann-Georg Jaeger, zuständig für technische Betriebsführungen. Er wird sie heute auf die Spitze einer anderen, etwas kleineren Anlage führen. Vorher müssen die Gurte aber alle sitzen. Denn an ihnen wird später die Sicherungsleine befestigt werden. Wer Schwierigkeiten mit dem Anlegen hat, dem wird geholfen – ohne dass erst nachgefragt werden muss.

Dann folgt eine kleine Einweisung durch Jaeger. „Fahrradhelme sind sinnvoll, Bauhelme nicht“, erklärt er. Denn das hinaufzusteigende Windrad besteht aus einzelnen Segmenten, die mit Schrauben gesichert sind. Bei diesen besteht die Gefahr, dass sich beim Leitersteigen der Kopf gestoßen wird. „Bauhelme sitzen aber locker auf dem Kopf und können beim Klettern hinunterfallen und dem Nachsteigenden ins Gesicht schlagen“, so Jaeger weiter. Auch Schlüssel und Handys sollten nicht locker in den Taschen getragen werden.

Der Aufstieg in der zweiten Anlage ist in drei „Stationen“ unterteilt, in jeweils verschiedene Leiterlängen. Erst werden zwölf Meter bewältigt. „Nach der ersten Leiter müssen Sie eine Entscheidung treffen: zurück oder durchziehen“, sagt Jaeger. Denn die zweite Leiter – und der längste Teil des Aufstiegs – bedeutet 50 Meter Leiterklettern. „Da können Sie dann nicht so einfach abbrechen“, mahnt Jaeger. Zuletzt müssen dann noch 18 Meter Leiter gemeister werden.

In den Augen der Leser liegt aber Ehrgeiz. Auch in denen von Dieter Svoboda. Der Bützower besteigt bereits zum zweiten Mal eine Windkraftanlage, wie er berichtet. Nun möchte er nochmal hinauf – mit 82 Jahren.

Den Anfang macht Dieter Wolf. Später erzählt er, dass er eigentlich etwas Höhenangst hat. Nach den ersten Stufen ist diese aber anscheinend überwunden, denn schon verschwindet er hinter der ersten von vielen Zwischenplatten.

Im Turm der „Mühle“ ist es schwülwarm. Der zweite Abschnitt des Aufstiegs scheint eine endlose beige Röhre zu sein. Schwarze Kabel ziehen sich die Wand entlang, laufen parallel zu der senkrechten Leiter. Ein dünnes Drahtseil mit Halterung sichert den Aufstieg. Stimmen hallen laut in dem Hohlkörper wider, jemand niest.

Eine ganze Weile steigen die Leser hinauf, dann erreichen sie die Spitze und frische Luft – 80 Meter über der Erde. Der kühle Wind hilft nach dem schweißtreibenden Aufstieg. Dieter Svoboda ist nach den vielen Stufen etwas schwindelig. Er setzt sich, bekommt sofort Wasser gereicht. „Das war jetzt das letzte Mal für mich“, sagt er entschieden.

Zusammen mit den anderen Lesern hört sich Dieter Svoboda die Ausführungen Jaegers an, der das im Wind leicht schaukelnde Windrad erklärt. Mit einem Rotordurchmesser von 76 Metern gehört es heutzutage zu den kleineren seiner Art. Bei größeren Windkraftanlagen sind 126 Meter Rotordurchmesser durchaus realistisch. So hoch oben ergeben sich zwischen Jaeger und den Lesern Diskussionen, von der Frage nach den Kosten so einer Anlage – 1,7 Millionen Euro – bis zur Energiewende reichen.

Zuletzt schaltet Jaeger die Rotorblätter ein. Bis zu zehn Umdrehungen pro Minute schnell lässt er sie werden. Dann fährt er sie wieder herunter. Mit vielen neuen Eindrücken, Erinnerungsfotos und einem letzten weitschweifenden Blick über das Land beginnt dann der Abstieg.

Wieder mit festem Boden unter den Füßen freut sich Silke Wolf, dass sie die Chance hatte, den Aufstieg mitzumachen. „Ich arbeite in der Tagespflege und habe extra eine Spätschicht bekommen, um mitmachen zu können“, sagt sie. Die Bewohner der Pflege würden nun schon gespannt auf ihren Bericht vom Aufstieg auf eine Windanlage warten.

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