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Leistungsmelken : Mutter und Tochter stehen Seite an Seite

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Michaela und Jeannette Agarius aus der Milchviehanlage Witzin starten morgen in Baumgarten

svz.de von
erstellt am 23.Feb.2016 | 12:00 Uhr

Gegeneinander treten sie zwar nicht an, sondern in zwei unterschiedlichen Wertungsgruppen, doch dass am Leistungsmelken Mutter und Tochter gemeinsam teilnehmen, kommt äußerst selten vor. Das ist allerdings nicht der Hauptgrund, weshalb Michaela und Jeannette Agarius aus der Milchviehanlage Witzin sich auf den Wettbewerb morgen im Landwirtschaftsbetrieb (Lwb) Jens Lötter in Baumgarten freuen.

Michaela Agarius ist mit
48 Jahren älteste Teilnehmerin, Tochter Jeannette (24) darf noch in der Wertungsgruppe bis 25 Jahre antreten. Konkurrenz zwischen beiden wäre es ohnehin nicht, sagt die Mutter. „Ich hätte gar keine Chance gegen sie, bin viel aufgeregter als Jeannette.“ Vielmehr würden sie sich in Familie moralisch unterstützen. Es helfe schon, wenn aus dem
Betrieb noch jemand dabei sei und mitfiebere. Aus der zur Pastiner Landwirtschaftsgesellschaft gehörenden Anlage in Witzin kommen vier Teilnehmer, vom Agrarhof Brüel und der Landwirtschaftsgesellschaft Zahrensdorf jeweils zwei. Insgesamt sind
es laut Milchkontrollverein Güstrow 25 aus 13 Betrieben.


Keine Konkurrenz, sondern ein Miteinander


Beim Leistungsmelken, das nun zum 23. Mal stattfindet, wolle natürlich jeder erfolgreich abschneiden. Alle seien mit Leidenschaft dabei. Dennoch sei es mehr ein Mit- als Gegeneinander, sind sich die Sternbergerinnen, die beinahe in Nachbarschaft wohnen,
einig. Es würden Erfahrungen ausgetauscht und bereitwillig Tipps gegeben, wenn jemand einen Wettbewerbsteil hinter sich habe. Vom Leistungsmelken ließe sich lange zehren, ob viele oder weniger Jahre in dem Beruf. Die Teilnehmer fühlten eher mit als dass Missgunst aufkomme.

Michaela und Jeannette Agarius starten jeweils zum vierten Mal. Die 48-Jährige
erreichte Rang fünf als bislang beste Platzierung und war damit „sehr zufrieden“, zumal sie jedes Mal „so aufgeregt“
gewesen sei. Das Problem, sagt die Tochter, habe sie nicht und schaffte schon einen vierten Platz. Das hätte beinahe sogar Rang drei werden können.

Michaela Agarius hat Mitte der 1980er Melkerin gelernt. Bis zur Wende folgten drei Jahre im Volkseigenen Gut (VEG) Kuhlen. Es sei ihr Wunschberuf gewesen. Die Eltern hätten in der Landwirtschaft gearbeitet, und „als Dorfkind“ sei sie mit Tieren groß geworden. Da schon ihre Mutter Melkerin war, habe sie auch gewusst, was auf sie zukommt: in aller Frühe zur Arbeit und am Nachmittag noch einmal los, auch wochenends. Jetzt ist es Arbeit in Schichten, von denen eine in der Nacht beginnt.

Zwei Jahrzehnte sei sie aus dem Beruf gewesen. Michaela Agarius brachte fünf Töchter, die älteste ist heute 29, und Sohn Martin zur Welt. In der Zeit bot sich nur gelegentlich Arbeit. Der Jüngste ist jetzt 13, geht in die achte Klasse des Sternberger Gymnasiums und feiert bald Jugendweihe. „Zum ersten Mal kein Kleid aussuchen“, sagt die Schwester.


Im zweiten Anlauf zum Traumberuf


„Als der Kleine in die Schule kam“ habe sie wieder als Melkerin begonnen, zuerst in Prestin und ab 2009 in Witzin. „Einmal Melker, immer Melker, doch ich habe praktisch von vorn angefangen. Alles war neu – Technik, Computer,
Medikamente und auch die Geburtshilfe beim Kalben,
wofür es früher Kälberpfleger gab.“ Die Arbeit sei umfangreich, abwechslungsreich und interessant, „aber kein leicht verdientes Brot“, meint die 48-Jährige. Melker brauchten eine gute Qualifikation und davor „ein Herz für Tiere“.

Selbst zu Hause werde oft über Kühe und Kälber gesprochen. Sehen Letztere besonders hübsch aus oder werden sie an einem bestimmten Tag geboren,
bekämen sie einen Namen, „weibliche Zwillinge sogar grundsätzlich“. So gebe es vom 6. Dezember eine Nikola, vom 31. Dezember eine Silva oder vom 14. Februar eine Valentina. Es sei schön, meinen die beiden Melkerinnen, wenn die Kühe nicht nur eine Nummer sind.

Jeannette trete als einzige Tochter in die Fußstapfen der Mutter. Die Lehre als Restaurantfachfrau hatte sie nach kurzer Zeit geschmissen und dann keinen Plan. Nach einem Jahr zu Hause sah sie sich die Arbeit der Mutter an – und fand den „Traumberuf“, wie die 24-Jährige sagt. Im Landwirtschaftsbetrieb Griepentrog in Steinhagen bei Bützow machte sie die Ausbildung,
danach kam eine Babypause. Nele ist jetzt gerade drei. 2014 fing die junge Mutter wieder in Steinhagen an und wechselte im Dezember 2015 nach Witzin. Der Weg zur Arbeit sei deutlich kürzer. Doch bei der Einweisung in Baumgarten
habe sie sich gefreut, den Ausbilder und ehemalige Kollegen wiederzusehen.

Gleichaltrige fragten, ob es nicht nerve, zusammen mit der Mutter zu arbeiten. „Wir kommen bestens aus. Meine Mutter ist der Fels in der Brandung.“ Diese gibt das Kompliment zurück. „Ich bin stolz auf Jeannette “, sagt Michaela Agarius und wischt eine Träne weg, die aus Rührung einfach kam.

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