Bützow-land : Moisall: Gegen das Vergessen

Pastorin Gudrun Schmiedeberg entzündete zum Gedenken an die Opfer von Kriegen, Gewalt, Flucht und Terror eine Kerze.
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Pastorin Gudrun Schmiedeberg entzündete zum Gedenken an die Opfer von Kriegen, Gewalt, Flucht und Terror eine Kerze.

Einwohner und Firmen sorgten dafür, dass der Gedenkstein für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges wieder einen würdigen Platz hat

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16. November 2015, 08:00 Uhr

Moisall/Tarnow Es war ganz still, als gestern in der Kirche zu Moisall das Antikriegslied „Es ist an der Zeit“ erklang. Und mancher wischte sich die eine oder andere  Träne aus den Augenwinkeln. Drückt doch der Song von Hannes Wader aus dem Jahr 1980 in einer sehr deutlichen Sprache aus, wie grausam und sinnlos das Sterben auf den Kriegsfeldern vor 100 Jahren war, wie sinnlos Kriege dieser Welt überhaupt sind.

Den Opfern des 1. Weltkrieges wurde am gestrigen Volkstrauertag  in Moisall auf besonderer Weise gedacht. Erhielt doch der Gedenkstein mit den Namen von zwölf Männern aus Moisall, die im 1. Weltkrieg gefallen waren, wieder einen würdigen Platz auf dem Friedhof. Mehr als zwei Jahrzehnte war der Stein aus dem Dorfbild verschwunden. „Im Zuge des Straßenbaus wurde er nach der Wende  von einem privaten Grundstück entfernt, landete irgendwo in den Brennnesseln“, erzählt Jürgen Knuth. Er hatte vor knapp einem halben Jahr gemeinsam mit Ronald Lahl die Initiative ergriffen und den Wunsch geäußert, dass der Stein wieder aufgestellt wird. „Ich hatte damals noch dafür gesorgt, dass der Stein wenigstens auf den Friedhof gelegt wurde“, so Ronald Lahl rückblickend.  Menschen aus dem Dorf und Firmen haben Geld bzw. auch Technik zur Verfügung gestellt, um den Stein  aufzustellen, nachdem zuvor von einem Steinmetz die Inschrift wieder lesbar gemacht wurde. „Ich habe dann noch eine Eiche von meinem Grundstück hier gepflanzt“, so Jürgen Knuth.

Auf dem Stein ist unter anderem auch der Name von Wilhelm Lahl, dem Großvater von Ronald Lahl zu lesen. Als Wilhelm  Lahl auf dem Kriegsfeld starb, da trug seine Frau Luise ein Kind unter dem Herzen, den Vater von Ronald Lahl, erzählt Pastorin Gudrun Schmiedeberg. Das Schicksal der Familie und aller anderen Opfer mache deutlich, wie wichtig es sei,  Erinnerungen zu bewahren und weiterzugeben. Nicht nur das Schicksal der Opfer des Ersten oder des Zweiten Weltkrieges, sondern aller Opfer von Kriegen, Gewalt, aber auch von Vertreibung und von Terror. „Wir haben 70 Jahre lang Frieden hier in Deutschland“, so Schmiedeberg. Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass das nicht selbstverständlich ist. Die Pastorin verwies auf die Anschläge von Paris und die gegenwärtige Flüchtlingskrise als Folge von Kriegen.  Jeder müsse auf seine Weise versuchen, zu helfen, sagte Schmiedeberg, auch vor dem Hintergrund, hier Flüchtlinge aufzunehmen.

Tarnow: Die Geschichte wiederholt sich

Flucht und Vertreibung hat auch Kurt Bobek kennengelernt. Während es einen Teil der Familie, die aus Nordböhmen kam,  nach Sachsen verschlug, kamen 1946 zwei Tanten und eine Großmutter in Tarnow an.  Und weil vermutlich für diese Flüchtlinge, die später verstarben, kein Platz auf dem Hauptfriedhof war, wurde ein zweiter Friedhof angelegt. Doch der war in den zurückliegenden Jahrzehnten mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Er selbst wollte diesem Vergessen etwas entgegensetzen, erzählt Kurt Bobek gestern bei der Gedenkfeier auf diesem Flüchtlingsfriedhof, wie er in Tarnow genannt wurde. Ende der 1990er-Jahre pflanzte er eine Rotbuche, ließ eines der alten Kreuze restaurieren und stellte es wieder auf.       

In der anschließenden Gesprächsrunde im Gemeindezentrum gingen die Erinnerungen zurück, an die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als in Tarnow durch die vielen Flüchtlinge 1500 Menschen lebten, wie Klaus Thorentz, der ehemalige Bürgermeister,  erzählt. Bobek erinnert sich, dass er jedes Jahr in den Ferien bei den Tanten war. Es sei eine schöne Zeit gewesen. „Sie waren zwar Flüchtlinge, doch am Ende waren die Tanten hier nicht mehr fremd.“ Parallelen wurden auch zur Gegenwart gezogen, zur gegenwärtigen Flüchtlingskrise.

Das Grab seiner Großmutter Anna und der Tante Marie sind zwei der wenigen, die  noch zu sehen sind, sagt Kurt Bobek. „Wir wollen nun diese Fläche um die Rotbuche einfassen und mit einem Schild darauf hinweisen, was sich an diesem Ort befand“, so Bürgermeister Ingo Sander. Die Gräber sollen eingeebnet werden.

Ralf Badenschier

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