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Auf den Spuren Deutscher Auswanderer : Meuchelmörder endet am Galgen

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Seit Jahren der Bützower Fritz Hoßmann den Nachfahren der Bützower Auswanderer auf der Spur. Im Sonderteil 2 der SVZ-Serie geht es um den Meuchelmörder Gus Davis aus dem Jahre 1901.

svz.de von
erstellt am 06.Okt.2012 | 03:49 Uhr

Bützow | Am Stadtgefängnis von Bellville strömen die Schaulustigen schon seit Stunden zum aufgebauten Galgen. Nach der neuesten Mode gekleidete Männer, Frauen und Kinder sind von meilenweit entfernt liegenden Farmen auf Pferden, Droschken oder sogar schon mit einem Automobil von der Marke Ford in die Kreisstadt Bellville gekommen. Die meist deutschstämmigen Siedler wollen den Mörder ihres Landsmannes hängen sehen. Am 22. Dezember 1900, kurz vor Heiligabend, hatte Gus Davis, ein schon mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt geratener Dieb, den unbewaffneten und allseits beliebten Farmer Herman Schluenz aus niederen Beweggründen hinterrücks erschossen. Nun am 14. März 1901 sollte der ruchlose Meuchelmörder hängen.

Sühne für den Tod des Farmers Herman Schluenz

Es war die letzte öffentliche Hinrichtung neben dem 1896 im Stil der Neorenaissance mit roten Backsteinen erbauten Gefängnis in unmittelbarer Nähe des Marktplatzes. Im Erdgeschoss hatten Sheriff und Hilfssheriffs ihre Räume und in einem weiteren Raum wurden die gerade Festgenommenen hinter daumenstarken Gittern arrestiert. In den oberen Etagen saßen in Zellen hinter vergitterten Fenstern die Untersuchungshäftlinge, die auf ihre Verhandlung im gegenüber liegenden Gericht warteten.

Heute ist das Haus ein viel besuchtes Museum, das von Freiwilligen der Historischen Gesellschaft der Stadt betreut wird. Über Herman Schluenz, ein im Adressbuch von Bützow und Umgebung von 1908 viel genannter Name, ist hier jedoch nichts zu erfahren. Eine ältere, grauhaarige Dame verweist auf einen grauen, schmucklosen Quader mit überdimensionierten Fenstern mitten auf dem Marktplatz- das Court-House. Es ist Amtssitz des County-Clerks (Landrats) und seiner Verwaltung, Amtsgericht, Grundbuchamt und Kreisarchiv zugleich. Gleich links hinter Glaswänden halten die Landrätin und ihre beiden Sekretärinnen gerade einen Smalltalk. Auf dem Flur hinter einem offenen Tresen ist die Auskunft. Im Archiv lagern unter anderem alle Familiendaten und die Akten über die Friedhöfe. Für die Besucher stehen fünf Computerarbeitsplätze bereit.

"Ihr gesuchter Herman Schluenz wurde am 6. Januar 1860 in Bellville geboren. Seine Eltern waren der am 8. Juni in Zernin geborene Johann Schluenz, seine Mutter Maria stammt aus Rövershagen, angekommen sind sie am 5. Dezember 1854 in New Orleans", erzählt Miss Eckhardt, deren Vorfahren aus Brandenburg eingewandert seien. Beerdigt seien die Schluenzens auf dem Pilgrim Cemetery, einem von vier Friedhöfen draußen vor der Stadt. Den Weg erklärt eine junge Rechtsanwältin auf Deutsch, die vor Jahren für zwölf Monate als Austauschschülerin in Gera weilte. Zum Abschied ein in Amerika nicht üblicher Handschlag.

Brochusener schuf ausgeklügelte Dachkonstruktion in Cat Spring

Neben dem Familiengrab der Schluenzens auf dem Pilgrim Cemetery sind hier auch viele andere Mecklenburger begraben. Weiter rollt der Leihwagen durch das hügelige Grasland mit seinen vielen Eichen. In Cat Spring steht die Eingangstür zur zwölfeckigen Halle mit 1200 Quadratmetern Tanzfläche aus Eichenholzparkett offen. Eine seltene Möglichkeit, die ausgeklügelte Dachkonstruktion des aus Brockhusen stammenden Joachim Hintz, Sohn eines Tagelöhners, zu bewundern. James Hering, er spricht seinen Nachnamen amerikanisiert Hiering aus, ist gerade mit Kollegen bei Sanitärarbeiten in der Küche beschäftigt. Aufmerksam hört der sehr freundliche Mann zu und entgegnet: "Oh, Du weißt mehr über die Geschichte der Region und ihrer Einwanderer als die Leute hier, ausgenommen der Pastor oder die von der Historischen Gesellschaft". Mag sein. Doch wo ist der Friedhof von Millheim, wo Hintz begraben sein soll, auf welchem Friedhof kann Fritz Sens begraben sein, der als dritter Deutscher nach Cat Spring kam und durch seinen im Bützower "Volksfreund" abgedruckten Brief viele Tagelöhner der Region zur Auswanderung nach Texas animierte oder wo ist die Schwanbeck Road, eine Straße die durch das Farmland bis zum Anwesen der aus Wokrent stammenden Schwanbecks führt? Auf den hier erhältlichen Karten sind nur die großen Landes- aber nicht die Regionalstrassen eingezeichnet. James Hering reißt vom Deckel einer Verpackung einen Streifen ab und zeichnet eine Karte für den seltenen Besucher aus Old Germany. Eine brauchbare Hilfe, die quer durchs County zu allen Zielen der Forschung geführt hat.

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