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Stasi-Unterlagen-Behörde : Mehr Gewissheit über eigenes Leben

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Vertreter der Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde in Görslow bei Schwerin boten gestern einen Informationstag im Schwaaner Rathaus an. Sie informierten über die Antragstellung und standen für Fragen zur Verfügung.

svz.de von
erstellt am 01.Aug.2012 | 11:23 Uhr

Schwaan | "Weil ich auf einer FDJ-Veranstaltung eine missliche Rede hielt, bekam mein Studienplatz jemand anderes", erzählt ein Bützower. Nach vielen Jahren möchte der Rentner nun wissen, wie diese Sache damals abgelaufen ist.

Deswegen ist er wie so manch ein anderer Einwohner aus Schwaan und Umgebung gestern ins Rathaus der Bekestadt gekommen, wo Vertreter der Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde aus Görslow bei Schwerin unter anderem über die Antragstellung informierten oder für andere Fragen zur Verfügung standen. Dabei fänden sie manchmal erst im Gespräch heraus, wo man anfangen sollte zu suchen, erläutert Andrea von Malottki, Leiterin des Sachgebietes Akten in Görslow. "Die Leute möchten nun geklärt haben, was der Staatssicherheitsdienst alles über sie gesammelt hat", schildert sie. Die Menschen wollen quasi eine Transparenz in der eigenen Biografie herstellen, fügt sie hinzu. Dazu zählt auch ein 77-jähriger Schwaaner. Er wolle seine Lebensgeschichte aufschreiben, und weil dazu auch viele Freunde gehören, möchte der rüstige Herr nun herausfinden, wer wirklich all die Jahre ein Freund gewesen sei.

Doch bis die Antragsteller einen Bescheid erhalten, vergehen mitunter Jahre. "Derzeit bearbeiten die Kollegen Anträge aus dem ersten Drittel von 2010", sagt Andrea von Malottki. Grund für die lange Wartezeit ist unter anderem die aufwendige Recherche. "Wenn der Antragsteller eine Bestätigung über die Registrierung seines Antrages erhalten hat, beginnt die Bearbeitung", sagt die Sachgebietsleiterin. Hierbei wird genau geprüft, ob es Akten von der jeweiligen Person im Schweriner Archiv gibt - vorausgesetzt, die Person hatte einst im ehemaligen Bezirk Schwerin gelebt. Hätte er beispielsweise in Magdeburg oder in dem gleichnamigen Bezirk gelebt, müsste in dem dortigen Archiv nachgeschaut werden. In jedem Fall wird der Name des Antragstellers auch mit den Aktenbeständen im Zentralarchiv in Berlin abgeglichen. "Allein in Görslow besitzen wir 2470 laufende Meter Akten", erklärt Andrea von Malottki. Die lange Wartezeit resultiere auch daraus, dass immer mehr Mitarbeiter in Rente gehen, fügt sie hinzu. Sie selbst habe 1991 in der Behörde angefangen. "Ich bin in der DDR groß geworden und ich bekomme durch die Tätigkeit hier einen anderen Blick auf das, was ich selbst erlebt habe und was ich nun anhand von anderen Schicksalen mitbekomme", sagt Andrea von Malottki. So ähnlich sieht es auch Christian Rieck, Auszubildender in der Görslower Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde. "Wenn man sich in einige Schicksale eingearbeitet hat, fragt man sich, wie die Leute dazu gekommen sind und wie die Stasi einige Personen im Grunde wegen Lappalien bis aufs Kleinste ausspionieren konnte", fragt sich der 24-Jährige. Seine Vorgesetzte Malottki hatte bereits vor einigen Jahren den Antrag auf Einsicht in die eigenen Akten gestellt. Während über sie keine Dokumente angelegt waren, ist bei anderen Personen genau das Gegenteil der Fall. Meist ist mit dem Vorhandensein von Akten auch eine Enttäuschung für die jeweils Betroffenen verbunden. Dennoch gab es gestern auch Antragsteller, die schon einen gewissen Abstand zur Vergangenheit hergestellt haben. "Man muss sich mit den Dingen auseinandersetzen, und ich habe immer im Hinterkopf, dass auch ein Name dabei sein könnte, den ich nicht auf der Rechnung hatte", sagt der Bützower, der zur Antragstellung extra nach Schwaan reiste.

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