Bützow : Kirche warf den Rettungsanker

Vielschichtig ist das Werk von Wolfgang Severin-Iben. Ab morgen sind viele Arbeiten von ihm im Kunsthaus zu sehen.
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Vielschichtig ist das Werk von Wolfgang Severin-Iben. Ab morgen sind viele Arbeiten von ihm im Kunsthaus zu sehen.

Der Diplom-Museologe Klaus-Dieter Rosenberg kehrt nach mehr als 25 Jahren mit schlechten Erinnerungen nach Bützow zurück

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10. Juni 2020, 05:00 Uhr

Wenn es um Gerechtigkeit geht, um Wahrheitssuche, da steht das eine mit dem anderen im engsten Verbund. Aber da sind die, die sich den Suchenden, um Gerechtigkeit und Wahrheitsstreitenden in den Weg stellen. Wer oder was leitet sie, die da hemmungslos die Geschichte mit Bremsklötzen für sich meinen in die Schranken weisen zu müssen. Ich weiß, wovon ich rede. Seit Jahren gehöre ich zu denen, die man im Kreis der Schön-Macherei als Störenfriede abstrafen will. Mit so einem Störenfried treffe ich mich demnächst (nach überstandener Corona-Zeit) in Bützow. Der Neustrelitzer Diplom-Museologe und Archivar Klaus-Dieter Rosenberg hatte sich 1982 in Bützow niedergelassen und versuchte, sich wohnlich und beruflich einzurichten. Nach dem Studium der Museologie in Leipzig und einem ersten Arbeitsplatz im Goldberger Museum wurde dem heute 64-Jährigen unerwartet im alten Bützower Schloss eine Tür zu neuer, spannender wie lohnender Tätigkeit aufgetan.


Berufsverbot: 1986 fristlos entlassen

Der langjährige Freund und Reisegefährte ist nun seit mehr als 25 Jahren nicht mehr in Bützow gewesen. Das hat seine Gründe. Der Museologe, einziger Studierender seines Faches, der je im Bützower Museum seinen Dienst tat, war 1986 fristlos entlassen worden. Berufsverbot! Was war geschehen? Nichts weiter als ein unmissverständlicher Hinweis auf Geschichtsfälschung, die der Museologe so mit sich nicht vereinbaren konnte. Der Stein des Anstoßes, ein Mahnfels in der Bützower Gedenkstätte, für die während des 2. Weltkrieges im Zuchthaus Bützow-Dreibergen ermordeten Sowjetbürger und Antifaschisten. Die Sowjetbürger hatte es aber nachweislich überhaupt nicht gegeben. Die „Antifaschisten“ liegen in einem Massengrab am Rande des Friedhofs (etwa 70 Personen) zuerst mit dem Hand- dann mit dem Fallbeil hingerichtet. Dieser Ort wurde 1948 als Mahn- und Gedenkstätte hergerichtet, wo zu DDR-Zeiten am 8. Mai der Opfer gedacht wurde. Der Ort erscheint heute längst als ein vergessener, sich selbst überlassener. Rosenberg wurde 1986 von den Rathaus- und Stasigewaltigen eine Frist von einem Tag zugesprochen. Wenn er seine unerhörte Behauptung zurücknehmen wird, wäre alles wieder sinn- und ordnungsgemäß hergestellt. Ansonsten habe er alle folgenden Konsequenzen zu tragen. Rosenberg trug die Konsequenzen. Die Stadt zahlte ihm ein kurzfristiges Überlebensgeld. Später erfolgte eine Zuweisung als Hilfspfleger in einem Altersheim. Eine Arbeit, der der physisch und psychisch angeschlagene Museologe nicht gewachsen war.


Seit 1992 beim Oberkirchenrat Schwerin

Der so Drangsalierte galt als Suizidgefährdet. Den Rettungsanker warf die Kirche. Seit 1992 arbeitet Rosenberg als Archivar beim Oberkirchenrat in Schwerin. 1995 verzog er dann endgültig nach Schwerin. Jetzt zieht es ihn an jenen Ort zurück, von dem er einst sagte, dass er nichts mehr davon sehen und hören will. Bildhaft neu Sehen, Erfahren, Vergleichen. Wie mag es ihm hier jetzt ergehen? Diese alte Last. Du schleppst sie ja ständig mit dir herum. Wir wollen auch die neu eingerichtete Gedenkstätte im Museum aufsuchen. Vieles hat sich in den vergangenen Jahren ereignet. Tiefgehende Impulse gesetzt. Ein Höhepunkt, die Begegnung und Freundschaft 1991 mit der Widerstandskämpferin, Ärztin und Schriftstellerin Hildgunt Margaret Zassenhaus ( 1916-2004). Eine Straße in Bützow trägt heute den Namen der Friedensnobelpreis-Kandidatin von 1974. Die gebürtige Hamburgerin Hildgunt Margaret Zassenhaus hat im April 1944 hunderten politischen Häftlingen (Norweger und Dänen) den Weg in die Freiheit ermöglicht. Der gute Ort (kir kut) des historischen jüdischen Friedhofs in Bützow ist für immer mit dem Namen Rosenberg, der selbst jüdische Wurzeln hat, verbunden. Unsere Arbeitsgruppe jüdisch-christlicher Freundschaft hat den Ort mit anderen Helfern nach mehreren Zerstörungen immer wieder geheilt und bewahrt.
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