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Aus der Geschichte Bützows : Kanute aus Bützow blickt zurück

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Geschichten aus dem Schuhkarton – 115: Erinnerungen von Traugott Bewernitz

„Ick kann dat sülben kum glöben, dat ick all so old bünn“, sagt Traugott Bewernitz verschmitzt grinsend. Einer der ersten Kanuten des Bützower Wassersports ist 90 Jahre alt geworden. Zeit, um einmal mit dem rüstigen, hellwachen Senior über seine Erinnerungen zu plaudern.

Interessiert schaute er schon als Jugendlicher dem Treiben der Wassersportler unmittelbar neben der Badeanstalt zu. Gut erinnern kann er sich an eine Trudi Wiggert vom Gymnasium, die in einem schnittigen Rennruderboot pfeilschnell über den See glitt. Doch sein Herz gehörte dem Fanfarenzug in der Hitlerjugend. Von der Schulbank weg zog er freiwillig mit dem Notabitur in der Tasche 1944 in den Krieg. Mit einem gebrochenen Bein an zwei Krücken gehend kam er 1948 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück in die Heimatstadt. Wieder einigermaßen genesen, musste er sich erst einmal um eine berufliche Ausbildung kümmern. Nach einem Schnelldurchlauf am Lehrerbildungsinstitut in Güstrow, das er heute noch als Lehrerfabrik bezeichnet, wurde er 1950 ein sogenannter Neulehrer.

Als 1952 die Sektion Kanu der Betriebssportgemeinschaft Chemie Bützow gegründet wurde, hatte bereits eine illustre Gemeinschaft das 1935 erbaute Bootshaus am See als ihre Begegnungsstätte in Beschlag genommen. Junge Leute um Jochen Grube, Fritz Witt und Hans Meinke waren fest entschlossen, die Sportart Kanuslalom zu betreiben. Die Älteren um Werner Hamann und Walter Schulze schwärmten von gemeinsamen Wanderfahrten in die Umgebung oder vielleicht sogar auf Elbe und Saale. Ihr erster Sektionsleiter, Jochen Grube, war es, der Traugott Bewernitz für den Kanusport gewann.

Vor dem Paddeln kam für alle jedoch erst einmal der Bootsbau, denn die gerade erst wieder im Handel erhältlichen Faltboote waren rar und teuer. Seinen Zweier-Kajak baute Traugott Bewernitz in der Werkstatt seines Onkels, Stellmachermeister Ernst Schwarz, am Kirchenplatz. Jochen Grube, Stiefsohn von Schwarz, hatte die nötige Zeichnung für das Gerippe aus Spanten und Senten. Als der Bootskörper nach wochenlanger Arbeit zusammengenietet war, wurde er mit einer Persenning bespannt. Der Unterboden des wasserdichten Gewebes wurde vorsorglich noch mit Gummifarbe bestrichen. Und nun konnten seine Fahrten mit der „Hanne Nüte“, wie er das Boot getauft hatte, auf dem See beginnen.


Wanderfahrten in die freie Natur


Das größte Vergnügen waren die gemeinsamen Wanderfahrten an Wochenenden in die damals noch unberührte Natur zum Kambser Busch, zum Sandgarten in Schwaan oder warnowaufwärts nach Eickhof mit Abstecher zum Warnowtal. Übernachtet wurde in kleinen Zweimannzelten ohne Boden oder unter zusammengeknöpften Militärzeltbahnen. Luftmatratzen waren anfangs kaum zu haben. So musste Gras für eine weiche Unterlage gerupft werden. Manchmal rückten die Neubauern in Eickhof auch etwas Stroh heraus. „Kuschelig wier dat ook ahn Luftmatratz und Schlapsack“, sagt Traugott Bewernitz. Bis tief in die Nacht saßen alle gemeinsam am Lagerfeuer beieinander und sangen gemeinsam lustige Lieder mit schier endlosen Texten wie das Lied von „Herrn Pastor sien Kauh“ oder „Von Dreibergen fließt ein Wasser, das ist lauter kühler Wein…“. Kein Handy klingelte, kein Kofferradio quäkte durch die Nacht. Das monotone Rauschen des Wildwassers am Aalfang in Eickhof wiegte die Truppe nach dem Löschen der Petroleumlampen in den Schlaf. Hörte das Rauschen abrupt auf, war es früh am Morgen. Der Fischer hatte die Schotten heruntergelassen und sammelte vom Rost des Aalfangs die Fische ab. Zeit für die Morgentoilette. Nach einem Bad in der Warnow waren alle wieder munter.

Besonders gut in Erinnerung hat Traugott Bewernitz die Verkostung. Pärchen oder kleine Gruppen kochten auf einem Benzinkocher oder offenem Feuer ihr Mittag. „Dat wier ne Zeremonie für sich“, meint der 90-Jährige. Fertiggerichte in Dosen gab es nach dem Krieg nicht. Kartoffeln und Lebensmittel wurden mitgebracht. Nun waren alle ganz gespannt, was in den Kochtöpfen für frisch bereitete Köstlichkeiten entstanden. Das einfachste Gericht war eine Klüddersuppe: aufgekochte Milch mit Mehlklößchen. Neben Eintopf gab es auch Bratkartoffeln mit Spiegelei oder gebratenem Fleisch. Sogar eine Schaumspeise mit Früchten von Traugotts Frau Leni wurde in die Runde gereicht.

Das Ende der Saison bildete das Abpaddeln im Herbst. Mit Lampions wurden die Boote geschmückt und vom Bootshaus wurde bis zum Hafen und wieder zurück gepaddelt. Anschließend ging es zu Café Lucas. Hier hatten die Meinkes, Inhaber des Lokals, aus dem von Jochen Grube ohne Lebensmittelmarken bei Pferdeschlachter Tegge besorgten Gulaschfleisch bereits ein herzhaftes Mahl zubereitet. Dann wurde bis zur Polizeistunde getanzt.

„Dat wier ne schöne Tied“, resümiert Traugott Bewernitz. Nun sitzt er jährlich noch beim Seniorentreffen der Kanuten im Drachen- oder Wikingerboot.



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