Bützow : Jüdische Spuren

Stadtumgang zum Thema „Spuren jüdischen Lebens“: Vor der ehemaligen Synagoge in der Mantzelstraße in Bützow bedankte sich Pastorin Johanna Levetzow (vorne links) beim Heimatforscher Fritz Hoßmann (Mitte) für die Ausführungen vor Ort.  Fotos: Frank Liebetanz
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Stadtumgang zum Thema „Spuren jüdischen Lebens“: Vor der ehemaligen Synagoge in der Mantzelstraße in Bützow bedankte sich Pastorin Johanna Levetzow (vorne links) beim Heimatforscher Fritz Hoßmann (Mitte) für die Ausführungen vor Ort. Fotos: Frank Liebetanz

Heimatforscher fragt: Warum interessiert sich kaum jemand für die einstige Synagoge?

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08. August 2019, 05:00 Uhr

Ein „abendfüllendes Programm“ habe er in jüngster Zeit absolviert, erklärt Fritz Hoßmann vor dem Krummen Haus. Eine gelbe Mappe mit vielen von Hand geschriebenen Zetteln unterm Arm, wartet der Heimatforscher auf die Teilnehmer des Umgangs zu jüdischen Spuren in Bützow.

Johanna Levetzow, Pastorin der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Bützow, freut sich, dass rund 30 Interessierte gekommen sind. Er wird durch die Schloßstraße, die Langestraße, Am Markt, Jungfernstraße, Horvitzgasse und Breite Straße führen. In diesen Straßen haben zur Zeit der Volkszählung 1867 nachweislich Juden gewohnt. Bei dieser Zählung wurden auch die Berufe festgehalten.

Nach der so genannten Hostienschändung in Sternberg 1492 waren Juden aus Mecklenburg verbannt worden. Im Landesarchiv in Schwerin liegt aber ein Schutzbrief aus dem Jahr 1767, in dem der Herzog einem Juden die Niederlassung in Bützow erlaubt. Und auch, womit er sein Geld verdienen darf. Die sehr hohe Gebühr und Steuern trieb der Herzog ein. Den Juden war nur das Ausüben von ein paar Berufen erlaubt: Arzt durften sie sein, Apotheker, Händler und Rechtsanwalt. Handwerk war ihnen aber untersagt. Es sei ein langer Weg der Judenemanzipation bis 1840 gefolgt, erläutert Fritz Hoßmann.

Er referiert kenntnisreich über einige Häuser und ihre früheren jüdischen Bewohner, kommentiert manchmal auch auf Platt. Die Tour endet in der heutigen Mantzelstraße. Dort, am „fuulen Grund“ erlaubte seit 1761 der Hugenotte Isaac Brunier jüdische Gottesdienste. Nach der Genehmigung des Herzogs Friedrich Franz I. wurde 1787 in der heutigen Mantzelstraße 10 eine Synagoge gebaut – ein Gebäude, in dem sich eine jüdische Gemeinde versammelt, Gottesdienst feiert und oft auch als Lehrhaus nutzt.

„Das Hinterhaus, das Fachwerkhaus 5. Ausfallstraße gehörte dazu“, berichtet Fritz Hoßmann. Einmal habe es Ärger gegeben. Der Israelitische Oberrat aus Schwerin wollte 1857 die Frauen in der Synagoge auf die Empore verbannen. Aber daraus wurde nichts, die Bützower wehrten sich dagegen.

Die Anteil der Juden an den Einwohnern in Bützow nahm ab 1890 ab. Im Jahr 1920 sind im Adressbuch nur noch rund 15 Personen zu finden. Das Haus wurde dem Kaufmann Heinrich Nagel verkauft. Er nutzte es als Lager, später kaufte es ein Lumpenhändler, der auch Altpapier und Knochen erwarb. „Im Sommer soll es dort mörderisch gestunken haben“, so Fritz Hoßmann.

Der Heimatforscher spricht auch den Umgang mit der ehemaligen Synagoge an. Was mit dem Haus geschehen soll, ob es wieder hergerichtet oder ob eine Gedenktafel angebracht werden soll? Diese Fragen stoßen nach seiner Erfahrung auf so gut wie gar kein Interesse. Richtig erschrocken habe er sich, so Fritz Hoßmann als der Begriff „Überfremdung“ latenten Antisemitismus zum Vorschein gebracht habe. Dieses Wort sei heute auch laufend zu hören. Aber: Bei 3500 Einwohnern Bützows im Jahr 1819 habe es 110 Juden gegeben, erklärt Fritz Hoßmann. Das sei keine Überfremdung.

Hintergrund: „Judensau“ in der Kirche als Auslöser

In der Stiftskirche in Bützow zeigt ein Relief an einer Säule eine so genannte Judensau aus dem 14. Jahrhundert. Das ist die einzige Verhöhnung des Judentums  dieser Art im Gebiet der evangelisch-lutherischen Nordkirche. Wie Gottfried Hägele, Mitglied   der Arbeitsgemeinschaft Relief der Kirchengemeinde  Bützow, am Dienstag nach dem Umgang in der Kirche berichtete, hat sich die Nordkirche im vergangenen Jahr bei der Sanierung des Innenraums des Gotteshauses dazu entschieden,  das Relief an seinem Ort zu belassen, sich aber  offen mit dieser Thematik zu befassen und offiziell von diesem demütigendem Spott zu distanzieren. „Wir leisten Versöhungsarbeit“, sagte Johanna Levetzow, die Pastorin in Bützow, am Dienstag auf der Empore. Und die Kirchengemeinde habe ein Faltblatt herausgegeben, in dem die Hintergründe des Reliefs erläutert werden.

Gottfried Hägele erläuterte am Dienstag, dass es zwei Möglichkeiten gebe, mit dem Relief umzugehen. Man könne meinen, eine solche blasphemische Darstellung, ein solches Bild des Hasses,  habe in einer Kirche nichts zu suchen. Andererseits gebe es auch die Ansicht, dass diese Darstellung ein geschichtliches Dokument sei. Als Analogie nannte der Bützower die Konzentationslager, die auch nicht geschleift worden seien. Vielmehr mahnten sie, dass der Antisemitismus der Geschichte angehören solle. „Das Relief aushalten und sich damit beschäftigen“ wolle  anscheinend auch  eine Mehrheit  der  Mitglieder im Kirchengemeinderat.

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