Vermisste Büdelsdorferin : Grab aus Beton

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Polizeieinsatz in Zepelin. FOTO: Stefan Tretropp

Ermittler finden in Beton gegossenen Leichnam in Zepelin. Anwohner reagieren verschlossen. Verdächtiger war Sportschütze

svz.de von
22. April 2015, 11:56 Uhr

Das Aufregendste, das man bis vor kurzem über die Gemeinde Zepelin sagen konnte, war  die Kunde von einer gut erhaltenen Windmühle, die als letzte von einst 13 ihrer Art in der Region noch existiert.

Diese Idylle im 400-Einwohner-Dorf vor den Toren der Kleinstadt Bützow ist seit vorigem Freitag vorbei.  Da erschien eine Armada von Ermittlern aus Schleswig-Holstein in der Siedlung und durchsuchte das Grundstück mit dem frisch sanierten Haus  – direkt neben der Freiwilligen Feuerwehr. Das rote Haus mit dem Namen „Johann“.  Der Hauseigentümer, Maik F., war nicht da. Über dessen Rechtsanwalt versuchten die Ermittler eine Anhörung  mit Maik F. für den Nachmittag des 17. April zu vereinbaren. Am Abend dann die Nachricht, der Gesuchte sei mit dem Auto tödlich verunglückt.

Angespannte Stille, so lässt sich die Atmosphäre seit Freitag beschreiben. „Es geht einem schon ganz schön nah“, sagt einer der wenigen gesprächsbereiten  Anwohner, der aber nicht erkannt werden will. In einem kleinen Ort wie Zepelin erlebe man so eine Situation sonst nicht, sagt er. „Jeder geht hier anders damit  um.“ Die meisten Anwohner ziehen sich in ihre Häuser zurück.

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In Bützow sind die Vorgänge  Stadtgespräch. In Zepelin dagegen hüllten sich  die Anwohner nahe liegender Weise    eher in Schweigen – oder beschimpften recherchierende Journalisten aus sicherer Entfernung als – gelinde ausgedrückt – Störenfriede. Ein direkter Nachbar, von dem es im Dorf heißt,   er sei mit Maik F. „ganz dicke gewesen“, begegnete den Fremden aggressiv und bot Schläge an und scheuchte jeden weg, der sich dem verdächtigen Grundstück näherte. Ein anderer Nachbar indes verfolgte  höchst interessiert die Suche über den Gartenzaun.

Seit dem Vormittag durchforsteten die Ermittler gestern das Grundstück – mit schwerem Gerät und filigranen Werkzeugen. Leichenspürhunde sollen da gewesen sein, gesehen hatte sie aber kein Augenzeuge. Angeschlagen hatten sie offenbar nicht.

Dennoch suchten die Beamten hartnäckig weiter, was für einen stark begründeten Verdacht spricht. Ein Erdhaufen hinter dem Haus wurde Stück für Stück mit einem Bagger abgetragen. Das Erdreich darunter durchkämmten die Beamten Zentimeter für Zentimeter – ohne Ergebnis. Gegen Mittag begann ein zweiter Bagger ein tiefes Loch im hinteren Bereich zwischen Garage und Wohnhaus zu graben.  Auch hier zunächst nichts. Als die Grube schließlich wieder zugeschüttet wurde und weiter entfernt vom Haus, vielleicht fünf bis sieben Meter hinter der Terrasse,  erneut die Baggerschaufel Erdmaterial abtrug, stieß sie plötzlich auf einen Widerstand. Von einem Moment auf den anderen standen die Geräte still. Eine leichte Hektik breitete sich aus. Die Beamten holten Decken, um die Sicht auf den Fundort zu verdecken.

„Viele haben auf einen Zufall gehofft“, mutmaßt ein Mann, der am Schauplatz beobachtete, was gestern passierte und fügt hinzu: „Ich glaube, die meisten werden es jetzt erst begreifen.“ Die Gewissheit bereite ihm Gänsehaut. „Ich habe ihn vor zwei Wochen noch gesehen“, erinnert sich ein Anwohner an einen gemütlichen Abend. Persönlich kenne er den Tatverdächtigen nicht, aber unbekannt sei man sich in einem so kleinen Dorf nicht. „Es steht ja keinem auf die Stirn geschrieben.“

 Oberstaatsanwältin Birgit Heß erklärte: „Wir haben erfahren, dass der Tatverdächtige nach dem 2. April auf seinem Grundstück Erdarbeiten vorgenommen hat.“ An diesem Tag wollten sich Maik F.  und Renate Hinrichsen treffen. Seitdem fehlte von der Büdelsdorferin jede Spur. Die als zuverlässig geltende Frau kehrte nicht in ihre Doppelhaushälfte  zurück, erschien nicht mehr am Arbeitsplatz. Mit dem Fund der Leiche haben die Ermittler nun die Chance zu klären, ob  Renate Hinrichsen ermordet wurde oder zum Beispiel  bei einem Streit unglücklich stürzte und starb.

Der Orthopädie-Mechaniker Maik F. war Single,  Renate Hinrichsen geschieden. Nach Informationen unserer Zeitung waren beide „gute Bekannte“, eine sexuelle Beziehung soll es nicht gegeben haben. Fest steht: Kurz nachdem die Kripo vergangenen Freitag mit der Durchsuchung seines Hauses begonnen hatte, verunglückte Maik F. . Er prallte ungebremst und nicht angeschnallt gegen einen Baum. Passanten zogen ihn noch aus dem Wagen, der vollständig ausbrannte.

Maik F.   ist gelernter Kirchenrestaurator und Stukkateur. Nach schwerer Erkrankung ließ er sich in Rendsburg zum  Orthopädie-Mechaniker umschulen. Als Spezialist für Orthesen und Prothesen arbeitete  er anschließend in einem Sanitätshaus in Itzehoe. Maik F. war begeisterter Paddler, Rennradfahrer und Sportschütze. In seiner Heimat war er 2002 Schützenkönig der „Schützengesellschaft Kühlungsborn“ geworden. Über den Fall sprechen möchte man dort nicht. „Wir haben unsere Gründe“, sagt  Ältermann Reinhard Granitza. Dazu zähle dürfte, dass die Mutter des Tatverdächtigen Gründungsmitglied der Schützengesellschaft ist. 2013 zog Maik F. von  Fockbek zurück nach Mecklenburg-Vorpommern. Auf dem Grundstück seiner Großeltern in Zepelin ließ er das rote Holzhaus bauen. Der Verdacht liegt nahe, dass Maik F., der zunächst als Zeuge vernommen worden war, Selbstmord begangen hat. Sollten sich keine Hinweise auf einen anderen Tatverdächtigen ergeben, wird die Akte geschlossen – denn gegen Tote wird nicht ermittelt.

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