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Bützower Zeitung

23. Oktober 2017 | 08:27 Uhr

German-American Day ist unbekannt

vom

Der Gedenktag für die deutschen Einwanderer am 6. Oktober ist bei vielen deutschstämmigen Amerikanern unbekannt. Unser Autor Fritz Hoßmann nahm dies zum Anlass, in den USA auf Spurensuche zu gehen.

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erstellt am 27.Sep.2013 | 05:49 Uhr

Bützow/ColoradO | Anlässlich der 300. Wiederkehr der ersten Landung von 13 deutschen Familien in Philadelphia am 6. Oktober 1683 und des Aufbaus ihrer kleinen Siedlung Germantown feierten die Vereinigten Staaten am 6. Oktober 1983 auf Initiative ihres Präsidenten, Ronald Reagan, das Jubiläum als German-American Day. 1987 erhob der Kongress den 6. Oktober gesetzlich zum staatlichen Feiertag. Erstmals wurde der Tag Ende des 19. Jahrhundert gefeiert, aber bedingt durch den Ersten Weltkrieg und die während dieser Zeit vorherrschende anti-deutsche Stimmung starb die Tradition aus. Jährlich unterzeichnet nun der Präsident der Vereinigten Staaten eine Proklamation, in der er die Leistungen der zehn Millionen Einwanderer und ihrer Nachfahren ehrt. In einer offiziellen Zeremonie im White House Rose Garden ruft er dann die Amerikaner auf, den Tag mit adäquaten Aktivitäten zu begehen. Nach wie vor bilden die etwa 42 Millionen deutschstämmigen Amerikaner die mit Abstand größte ethnische Gruppe. Aber was wissen sie landläufig über den Feiertag?

Deutsche Abendgebete und grüne Dollarscheine

Bei schwerem Gewitter mit orkanartigen Böen und strömendem Regen sind wir froh, in der Dunkelheit das unscheinbare Wapiti-Motel von Durango (Colorado) zu erreichen. Die mehr als achtzig Jahre alte Inhaberin, Susan Gebhardt, macht einen guten Preis und preist ihr Motel als das sauberste der ganzen Stadt an. Als sie meinen deutschen Pass sieht, sprudelt es in dialektfreiem Deutsch über ihre Lippen: "Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein…" Ein Gute-Nacht-Gebet, das sie als Kind immer mit ihrer Großmutter aufgesagt hätte. Ende des 19. Jahrhunderts wären ihre Vorfahren, die aus Westfalen stammten, während des Goldrausches in die Rocky Mountains gekommen. Und was sagt ihr der German-American Day? Nothing - nichts.

In Pagosa Springs (Colorado), ein kleines Heilbad am East South Fork San Juan River, der Wildwasser führt wie die Zwickauer Mulde, erregt ein bisher in Amerika nicht angetroffenes Schild an einer Kneipe die besondere Aufmerksamkeit: Smoking allowed (Rauchen erlaubt). Also nichts wie hinein. Es ist ein uriger Saloon im Stile der Goldgräberzeit. Echte Colts und Rifles hängen angeschlossen über dem langen Tresen. Darunter hunderte von angeklebten Dollarscheinen mit Insignien. Als ich meinen grünen Dollarschein mit schwarzem Marker signiert und an die Wand geklebt habe, fällt einem Gast "from Buetzow- Germany" auf. Unversehens zieht er seine Geldbörse und holt die Identity-Card (Personalausweis) hervor und reicht sie rüber. Ich muss unwillkürlich schmunzeln. Sein Nachname ist Holsapple. Also Holzapfel. Seine Vorfahren oder ein Verwaltungsangestellter werden den Namen irgendwann Anfang des 20. Jahrhunderts amerikanisiert haben. Aber wenn schon, dann richtig, meine ich neckisch: Woodapple. Seine Frau lacht und spricht ihn sofort mit Woodapple an. Und was sagt dem Deutschstämmigen der German-American Day? Nothing- nichts.

Nun gut, einer wird es bestimmt wissen. Ich falle bei Richard Kramer in Phoenix (Arizona) gleich mit der Tür ins Haus. Er grübelt ein wenig, dann Schulterzucken. Der German-American Day sagt ihm nichts. In akklimatisierten Räumen, draußen sind es 45 Grad, arbeiten wir den ganzen Tag weiter am Familienbuch der Kramers. Viele interessante Dokumente und Fotos sind in den letzten Jahren hinzugekommen. Rick freut sich ganz besonders über die aus Bützow mitgebrachten Farbfotos nach Ölbildern seiner Ur-Ur-Großeltern, Papierfabrikant Isaac Kramer und seine Frau Ilsabe. Abends stoßen wir mit seinem Sohn Matthew und unseren Frauen auf unsere jahrelange Freundschaft und natürlich den German-American Day an.

Ex-Bützower im Auftrag von Apple in Hongkong

In San Jose (Kalifornien) will ich nebenbei auch den Ex-Bützower Dr. Maik Duwensee befragen. In seiner Proklamation 2012 hatte sich Präsident Barack Obama auch an die mehr als 15 000 deutschen Akademiker, die in den Vereinigten Staaten lehren, und ebenso vielen hochspezialisierten Fachleuten, die in amerikanischen Konzernen an Spitzentechnologien arbeiten, gewandt. Persönlich kann ich German-Maik leider nicht fragen. Wegen Visaschwierigkeiten eines Kollegen muss er, der ehemalige Ossi, wie er sich in der abendlichen Videokonferenz schmunzelnd selbst bezeichnet, drei Monate die Chip-Produktion in Hongkong und Shanghai für seinen Apple-Konzern überwachen. Leider fällt nun unsere geplante Wildwassertour auf dem South Fork River aus. Und was weiß er über den German-American Day? "Fritzi, meinst Du das Oktoberfest", ist die Gegenfrage.

Apropos Oktoberfest. Anfang September kommt eines der selbst für den verwöhnten deutschen Gaumen besten Biere auf den amerikanischen Markt. Nach deutschem Reinheitsgebot und aus bestem deutschen Hopfen gebraut, bringt die größte amerikanische Brauerei, die Samuel Adams Company aus Boston, die Marke Samuel Adams Oktoberfest heraus. Ein Starkbier, dass das leichtere Lagerbier saisonal ablöst. Mit dem Erscheinen von Samuel Adams Oktoberfest setzt auch allerorts die Werbung für die Oktoberfeste ein. Singen und Tanzen in traditionellen Trachten, leckeres deutsches Essen, bei dem natürlich Sauerkraut nicht fehlen darf, deutsches Bier und die deutsche Gemütlichkeit werden von Wisconsin bis Texas angepriesen. Ein einzigartiger Klamauk unter bayrischen blau-weißen Fahnen. Und am Ende spielen die Bands "Sweet Caroline" und die amerikanische Nationalhymne.

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