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Bützower Zeitung

25. September 2017 | 04:30 Uhr

Bützow : Für ein Leben ohne Angst

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Familie Sajjad flüchtete aus Afghanistan und hat sich mittlerweile gut in Bützow eingelebt / „Eine Blume für Bützow“ hilft Flüchtlingen

svz.de von
erstellt am 20.Jul.2017 | 09:00 Uhr

Seit 2015 geistert das Thema „Flüchtlinge“ ständig durch die Medien. In der letzten Zeit ist es aber etwas abgeflaut. Weniger wichtig ist die Thematik dadurch aber nicht. Integration ist nun der Baustein, der Migranten zum Teil unserer Gesellschaft macht. Ein Positivbeispiel für gelingende Integration wohnt in Bützow.

Die Familie Sajjad kommt aus Baglan, einer Nordafghanischen Stadt. Von dort sind Sayed Fahim und seine Frau Husna gemeinsam mit ihrer damals knapp einjährigen Tochter Homan geflüchtet. Von Afghanistan über den Iran, die Türkei, Griechenland und Serbien kamen sie nach Deutschland – mit kaum mehr Gepäck als der Kleidung am Körper. Die Reise dauerte etwa zwei Monate, bis sie auf deutschem Boden angekommen waren. „90 Prozent der Strecke mussten wir laufen“, berichtet Sayed Fahim. Ihre Tochter trugen sie während des Marsches. Sie erhielten nur alle zwei bis drei Tage etwas zu essen und zu trinken. Das musste dann bis zur nächsten Vergabe ausreichen. Grund für die Flucht war die Erschießung Sayed Fahims Vaters durch die Taliban. Er war Richter und hatte gegenüber der Terrororganisation eine kritische Haltung, die er auch äußerte.


Frauen können ohne Angst vor Strafen leben


Die Ankunft war nicht nur für Sayed Fahim eine enorme Erleichterung. Husna konnte so den unterdrückenden Geboten für Frauen und der Angst vor den Taliban entgehen. Ohne Burka und männliche Begleitung dürfe man sich als Frau in Afghanistan nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Bei einer kleinen Lüftung des Schleiers, unzureichender Verhüllung oder unbegleitetem Auftreten müssten die Frauen mit Steinigung oder anderen Bestrafungen rechnen, erzählt Monika Finck, ehrenamtliche Mitarbeiterin bei „Eine Blume für Bützow“. „Allein schon, wer sich mit einer Frau in der Öffentlichkeit bewegt, macht sich verdächtig“, sagt Husna. In Afghanistan seien Frauen nur zum Kochen, Putzen und Kinder kriegen da. Aus dem Grund, berichtet Sayed Fahim, sei er nur zweimal im Monat mit seiner Frau zum Einkaufen gegangen.

Nach der Ankunft in Deutschland verbrachten sie zunächst einen Tag bei der Berliner Polizei, von wo aus sie in ein Camp in Boizenburg gebracht wurden. Dort blieben sie eine Woche und erhielten dann eine Wohnung in Bützow. „Wir hatten großes Glück“, sagt Sayed Fahim dazu, dass dieser Prozess so schnell verlief. Grund dafür war vermutlich, dass er wegen der Kritik seines Vaters an den Taliban politisch verfolgt wurde. Deswegen wurde er mit seiner Familie nun auch für drei Jahre in Deutschland anerkannt. Er hat aber den Traum einer deutschen Staatsbürgerschaft.

Zu dem Zeitpunkt konnte keiner aus der Familie Deutsch sprechen. Vier Monate lang besuchten sie einen Grundkurs zur elementaren Sprachanwendung. Zu dem Zeitpunkt bekam die Familie aber ihren Sohn Sayed Fahim, weshalb Husna den Sprachunterricht unterbrechen musste. Ihr Mann aber lernte sechs weitere Monate bis zum selbstständigen Sprachgebrauch. Heute hat er zweimal wöchentlich Deutschunterricht und zusätzlich erhält er wöchentlich eine Stunde im Lesen.

Er wünscht sich, hier – wie in Afghanistan – in einer Apotheke arbeiten zu können. Er hat Pharmazie studiert und jeweils eine Ausbildung zum Apotheker und medizinischen Laboranten gemacht. In Baglan besaß er sogar eine eigene Apotheke, in der er in beiden Bereichen tätig war. Auch hier hat er bereits vier Wochen als Praktikant in der Rats-Apotheke in Bützow gearbeitet. Um dort aber richtig arbeiten zu können, müssen seine Abschlüsse anerkannt werden, wofür wiederum das Niveau des kompetenten Sprachgebrauchs und eine gewisse Fachsprache benötigt werden. Um das zu erreichen, besucht er eine Fachsprachschule.


Einen neuen Tagesrhythmus lernen


„Das schlimmste war die Bürokratie“, erzählt Sayed Fahim. Auch die Unterschiede zwischen den Kulturen seien für ihn gewöhnungsbedürftig gewesen. Im Alltag sei es auch nicht immer leicht, die fünf täglichen Gebete unterzubringen, sagt seine Frau Husna. Der Tagesrhythmus sei hier ein ganz anderer und nicht darauf ausgelegt, bestätigte auch Monika Finck. In seiner Heimat sei er täglich zur Moschee gegangen, hier nur ein Mal pro Woche, erzählt Sayed Fahim. Dafür jetzt aber mit seiner Frau. Die Kinder gehen noch nicht mit in die Moschee, weshalb er und Husna sie zeitversetzt besuchen.

Sehr geholfen hat ihnen seit ihrer Ankunft vor zwei Jahren das ehrenamtliche Bündnis „Eine Blume für Bützow“. Dieses versteht sich als Synonym zur Willkommenskultur. Es wurde vor drei Jahren gegründet und sah es von je her als seine Aufgabe an, die ankommenden Flüchtlinge Unterstützung erfahren zu lassen. „Alles passiert auf freiwilliger Basis“, betont Monika Finck. Sie hat einen engen Draht zur Familie Sajjad.

Von „Eine Blume für Bützow“ wurden schon verschiedene Veranstaltungen organisiert. Beispiele dafür sind Öffentlichkeitsversammlungen für ein besseres Verständnis der aktuellen Flüchtlingslage für die Bevölkerung oder Demonstrationen gegen die rechte Szene. Die Familie sagt aber, dass sie noch keine Probleme mit Rechtsradikalen hatte. Auch Begegnungsfeste wurden zum Kennenlernen und zur besseren Integration in die Gesellschaft veranstaltet. Die Ehrenamtler helfen aber auch bei kleinen Problemen, wie einen Strom- oder Internetanschluss zu besorgen oder bei Sprachbarrieren beispielsweise auf den Ämtern oder beim Arzt. „Was gut ist“, lobt Monika Finck, „ist, dass viele der Flüchtlinge Englisch können.“ Das würde die Verständigung ungemein vereinfachen.

Der Traum, den sie mit dem Bündnis teilt, ist ein Begegnungszentrum einzurichten. Es soll im ehemaligen Pfarrhaus der Reformierten Kirche entstehen, das momentan eine Ruine ist. Momentan ist aber alles noch in der Planung. Getragen werden soll das Projekt von der Stadt. Vor der Realisierung soll eine Ausstellung in dem Gebäude stattfinden. Daniela Melzig stellt unter anderem mit Glasmalerei die ständige Präsenz, aber auch den Wandel der Flüchtlinge an Beispielen wie 1945 oder 1989 dar. Die Stadt begrüße und unterstütze beide Unternehmungen, so Monika Finck.


Zu wenig Kita-Plätze für eine gute Integration


Als Kindergärtnerin bedauert Monika Finck, dass es so wenige freie Plätze in den Kitas gibt. Ihrer Meinung nach liegt das an momentan sehr geburtenstarken Jahrgängen. Sie sieht den täglichen Besuch einer Kindertagesstätte oder der Schule für Kinder von Flüchtlingen als sehr wichtigen Punkt an. Die Kinder lernten die Kultur und die Sprache kennen. Sie selbst hat Kinder aus der Ukraine und Syrien in der Kita, in der sie arbeitet. „Ein Mädchen ist mittlerweile schon Dolmetscherin für ihre Eltern“, erzählt sie. Die nun dreijährige Homan und ihre Eltern warten noch auf die Möglichkeit, den Kindergarten besuchen zu können.

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