Bützow : Er zieht Linien ohne Lineal

Die SVZ-Leser beobachteten Malermeister Rainer Wittenburg bei seiner Arbeit.
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Die SVZ-Leser beobachteten Malermeister Rainer Wittenburg bei seiner Arbeit.

SVZ-Leser schauen Malermeister Rainer Wittenburg über die Schulter. Er lässt die Stiftskirche in neuer alter Farbe erstrahlen

svz.de von
26. August 2016, 21:00 Uhr

Gotteshaus lebt von Gefühl: Bei der gestrigen SVZ-Sommertour führte Architekt Hartmut Böhnke unsere Leser durch die Stiftskirche. Dabei lag der Fokus vor allem auf den Malerarbeiten am Gewölbe. Akkurate Striche suchten die Teilnehmer vergebens. An Bützows Wahrzeichen wird freihand und nach Gefühl gearbeitet.

Im Mittelgewölbe sind noch die Schäden des Tornados zu erkennen. „2,4 Millimeter ist das Gewölbe dabei auseinandergegangen“, erzählte Böhnke. Zu sehen sind vor allem die vielen Risse und Stellen, an denen der Putz abgeplatzt ist. „Da muss dann erst der Maurer ran, bevor ich meine Arbeit machen kann“, sagte Malermeister Rainer Wittenburg. Der Jürgenshäger setzt die Kirche wieder farblich in den Stand zurück, der 1860 vorlag. Dafür müsse der bläuliche Putz jener Zeit abgetragen werden. „Wir wollten versuchen, das alte Material von damals zu erhalten, aber an den kaputten stellen würde die Farbe nicht halten“, berichtete der Architekt.

Sind die Maurerarbeiten abgeschlossen, kann Wittenburg loslegen. Mithilfe eines einfachen Pinsels ziert er die Decke mit blauen und roten Strichen und Mustern. Um das richtige Rot zu erhalten, wären mehrere Probemischungen nötig gewesen. „Die Farben, die vor hundert Jahren und mehr genutzt wurden, kann man heute ja nicht einfach im Baumarkt finden“, so Böhnke. Mit dem speziellen Ton arbeitet sich Malermeister Wittenburg Stück für Stück vor – ohne Lineal. Ob er wenigstens eine Schablone für die Ornamente benutze, wollte Ermtraud Westphal wissen. „Nein, jede Oberfläche ist anders. Wie ich das bearbeiten muss, sehe ich dann, wenn ich nah genug dran bin“, sagte Wittenburg. „Ich bin begeistert. Die ganzen Details und alles freihand“, so Westphal.

Bisweilen werden die neuen durchgezogenen Linien von Überbleibseln aus der Barockzeit unterbrochen. So konnten die Sommertour-Teilnehmer neben einem freigelegten Engel am Ostgewölbe an anderer Stelle eine Lilie entdecken. Wer genau hinschaute, konnte Farbkleckse unterhalb des Bildes erkennen. „Ich wollte erst, dass die Spritzer übermalt werden, damit es ordentlich aussieht. Aber das sind nun mal Arbeiten eines Malers aus dem Mittelalter und auch der rutschte mit dem Pinsel mal ab“, sagte Böhnke. So wurden die Kleckse als historische Erinnerung erhalten.

Zum Abschluss ging es für die Teilnehmer auf den Dachreiter: Nach einem kurzen Zwischenstopp im Dachstuhl ließen sie in mehr als 40 Metern Höhe – bei besten Wetter – ihren Blick über die Warnowstadt schweifen.

SVZ-Sommertour

Die letzte SVZ-Sommertour findet am Freitag statt. In der Schwaaner Kunstmühle lässt Leiter Heiko Brunner hinter die Kulissen blicken. Los geht es um 10 Uhr. Anmeldungen nimmt die Redaktion unter der Telefonnummer 038461/421 81 63 entgegen.

Die Teilnahme ist kostenlos.

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