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Bützower Zeitung

17. Oktober 2017 | 22:53 Uhr

Bützow : Einblicke in die Künstlerseele

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Bei einer Lesung zum Abschluss der Gemeinschaftsausstellung „Unterwegs“ bekamen die Zuhörer sehr private Eindrücke

svz.de von
erstellt am 12.Okt.2015 | 06:00 Uhr

Künstler, die zum Stift und nicht zum Pinsel greifen; schreiben und nicht malen. In einer Lesung am Freitagabend im Bützower Kunsthaus erhielten die zahlreichen Gäste besondere Einblicke in die Gedanken der Kunstschaffenden. Eine Premiere, denn die Veranstaltung war dort die erste ihrer Art. Verschiedene Künstler hatten auf Reisen Tagebuch geführt oder Eindrücke festgehalten, die sie nun vortrugen. „Wir werden heute Dinge hören, die sonst im Privaten bleiben", erklärte Michael Mohns, der durch den Abend führte.

Er las zu Beginn aus dem oftmals melancholischen wirkenden Tagebuch Rainer Stuchliks, der mit Bildern in der Ausstellung vertreten war. Dieser berichtet in einem Eintrag vom Oktober 1984 , als er gerade irgendwo auf einem Parkplatz Halt macht, über nicht enden wollenden Regen. Stuchlik hatte die Grenze von Ungarn nach Rumänien gerade 100 Kilometer hinter sich gelassen und nahm sich fest vor, später den gleichen Weg zurück zu nehmen und malen zu wollen.

Das Wetter beschäftigte ihn auch auf einer Studienreise in die Provence 1974. Der Regen hemmt ihn bei der Arbeit, er erzählt von misslungenen Arbeiten. „Ich habe das Gefühl, einen ganz kleinen Schritt weiter zu kommen“, schreibt Stuchlik am dritten Tag seines Aufenthalts.

Völlig anders geht Künstlerin Dana JES mit Worten um. Sie hatte ihre Bilder gezielt für die Ausstellung angefertigt und die Gelegenheit genutzt, Gedanken festzuhalten, wann immer ihr danach war. Die Zuhörer lauschten neugierig ihren Ausführungen, als sie von Momenten während ihrer Reise berichtet. Ihre Gedanken schweifen in die Ferne, als ihr Sohn ihre Füße in einem Kieshaufen einbuddelt und ein grüner Waldstreifen sie inspiriert. Bilder in ihrem Kopf entstehen, die sie festhalten möchte. „Wann ist Zeit, all die Bilder zu malen?“, fragt sie sich.

In einer weiteren Situation berichtet sie – wie schon Stuchlik – dass ihre Bilder einfach nicht gelingen wollen. Doch irgendwann geht es ihr plötzlich ganz leicht von der Hand.

An ein geschriebenes Wort wollte sich die Künstlerin Grit Sauerborn nicht binden. Sie erzählte frei davon, was sie auf Reisen beschäftigte. 2010 erhielt sie ein Reisestipendium und besuchte daraufhin Litauen. „Ich bin dann jeden Tag mit dem Rad durch die Stadt gefahren und habe gesucht und für mich etwas ganz besonderes entdeckt – die Leere.“ Große Plätze aus grauem Beton, ausladende Parks und der Hafen brannten sich ein. Die Herausforderung sei gewesen, dieses neu entdeckte Nichts in Bildern darzustellen. „Wenn man dann wieder heimkehrt, hat man lange Zeit zu denken und zu arbeiten. Ich arbeite heute noch an dieser gefundenen Leere.“

Vor einem viertel Jahrhundert hielt Wolfgang Severin-Iben seine Reise nach Italien in Worten fest. Viele Gäste konnten sich mit seinen Erinnerungen identifizieren. Denn es war seine erste Fahrt ins Ausland nach der Wende, die ihn nach Italien führte. Doch hier fallen ihm die großen Sehenswürdigkeiten nur am Rande, dafür aber die Alltäglichkeiten ins Auge: Eine Bettlerin, die auf einem Bahnsteig in Rom saß, während er auf seinen Zug nach Neapel wartete. „Sie mag 30, aber auch 70 gewesen sein“, beschrieb er die in Lumpen gehüllte Frau, die einen Kaffeebecher aus einem Abfalleimer fischte und den letzten Schluck Kaffee gierig herunterschluckte. In seinem Tagebuch notierte er den festen Vorsatz, ihr auf dem Rückweg einen Kaffee und ein dickes Mozzarellabrötchen zu kaufen. „Ich habe mal versucht, das Bild der Bettlerin zu malen – es ist mir nie gelungen“, endete er seine Ausführungen. Die Gäste zeigten sich beeindruckt.

„Er fährt in diese Stadt, in die jeder will, und schreibt über die Tauben, die er am Bützower Rathaus so gut hätte beobachten können“, sagt Sabine Wappler nach dem Vortrag und erinnert an eine Taubenplage zu der Zeit. „Es war wunderbar, wie er trotzdem den Petersdom gesehen hat“, findet die Warnowerin. Auch hätte sie sich auch gewünscht, bei Rainer Stuchlik Mäuschen spielen zu können, um die Werke zu sehen, mit denen er selbst so unzufrieden war. „Es ist wirklich schön, dass jeder seinen Schaffensprozess so offenbart durch das Wort.“

Evelin Henke aus Gülzow war vor allem von Dana JES sehr beeindruckt. „Das fand ich gedanklich sehr anregend“, so Henke. „Man bekommt einen Einblick in die Künstlerseele“, brachte es Karin Zießnitz vom Kunsthaus auf den Punkt. Wichtig sei schließlich nicht was, sondern wie man sieht, zog Michael Mohns schließlich ein Fazit des Abends.

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