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Geringfügig beschäftigt : Ein Leben unter Dauerdruck

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Minijobs, Teilzeitarbeit, Leiharbeit: Laut einer Studie leben immer mehr Menschen im Landkreis in prekären Verhältnissen. Zwei Betroffene berichten

von
erstellt am 01.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Etwa 11 000 Menschen im Landkreis Rostock sind 2016 ausschließlich geringfügig beschäftigt gewesen. Das ergab eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung, die die Entwicklung am Arbeitsmarkt seit 2003 untersucht hat und für die Kreise eine generell verheerende Bilanz gezogen hat. Im Landkreis Rostock ist der Anteil der sogenannten atypischen Beschäftigung, zu der auch Teilzeitjobs und Leiharbeit gehören, demnach im vergangenen Jahr auf 40 Prozent gestiegen – ein Rekordwert. 2003 lag die Quote laut der Studie noch bei 24 Prozent.

Die Statistik macht deutlich, dass immer mehr Menschen trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs in prekären Verhältnissen leben. So auch Kathrin Moldt und Michael Richter. Beide sind seit Jahren erfolglos auf der Suche nach Arbeit. Seit 2005 sind sie über die Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft Umwelt und Arbeit Bützow und Umland (BQG) in der Werkstatt der Miniaturstadt angestellt, arbeiten dort derzeit 20 Stunden im Monat. „Ich habe schon alles Mögliche probiert, Lehrgänge und Fortbildungen gemacht, aber es hat nicht gefruchtet“, erzählt Michael Richter. Diese Erfahrung hat auch Kathrin Moldt gemacht: „Oft ist es so, dass hinter Weiterbildungen oder Seminaren der Jobcenter kein Arbeitsplatz steckt. Oder man macht eine Umschulung für einen Bereich, der gerade nachgefragt wird, aber wenn man fertig ist, ist die Nachfrage plötzlich nicht mehr da.“ Sie selbst habe einen Lehrgang im Bereich Schiffsbau besucht. In diesem Zeitraum sei dann die Werftenkrise ausgebrochen. „Wenn man die eigenen Mitarbeiter schon nicht mehr halten kann, kann man auch keine neuen einstellen.“

Über die Arbeit in der Miniaturstadt sind Kathrin Moldt und Michael Richter gleichermaßen froh. „Die beiden engagieren sich überdurchschnittlich – auch im ehrenamtlichen Bereich“, sagt Birgit Czarschka, Geschäftsführerin der BQG.

Sie habe auch viele andere Leute, die einfach raus müssen, um sich produktiv zu betätigen. Viele von ihnen hangeln sich von Maßnahme zu Maßnahme. Denn das atypische Beschäftigungsverhältnis Minijob kann nicht unbegrenzt vergeben werden. „Die Vorgabe vom Jobcenter über die Dauer der Maßnahme ist ungünstig. Innerhalb von fünf Jahren darf man nur 36 Monate einen Ein-Euro-Job ausüben“, erklärt Birgit Czarschka. Wer das erfüllt hat, fällt danach aus dem Raster. In der BQG gibt es verschiedene Beschäftigungsformen.

Die Nachfrage nach Bufdi (Bundesfreiwilligendienst)-Stellen sei zum Beispiel enorm hoch, so Birgit Czarschka. Wird eine solche frei und sie ruft jemanden an, der dafür in Frage kommt, steht der eine halbe Stunde später bei ihr im Büro, erzählt sie. Manche Menschen kommen zu ihr und fragen immer wieder nach Arbeit, auch wenn sie wissen, dass eigentlich gerade nichts frei ist.

Kathrin Moldt und Michael Richter haben die Hoffnung, aus ihrer prekären Lage wieder auf den sogenannten ersten Arbeitsmarkt zu kommen, noch nicht aufgegeben. Doch die jahrelange Arbeitssuche und die Beschäftigung über diverse Maßnahmen haben ihre Spuren bei den beiden hinterlassen. „Man ist in einem Dauerbewerbungszustand. Man weiß nie, was morgen ist, weil die Situation sich jederzeit ändern kann. Jedes Mal, wenn ein Brief kommt, rast das Herz“, erzählt Kathrin Moldt. Dieser Druck ist fatal für die Gesundheit. „Das ist für die Psyche ganz schlecht – und das führt dann auch zu physischen Krankheiten“, sagt Michael Richter. Er habe zudem einen kranken Rücken, Migräne, Probleme mit dem Nacken. „Meiner Meinung nach sind das alles Folgen dieser Situation.“

Nicht zuletzt wegen dieser Beschwerden wissen Kathrin Moldt und Michael Richter auch, wie die Chancen für sie letztendlich stehen. „Wenn ich irgendwo beginne, weiß ich am Anfang nicht, ob ich das schaffe. Die Anforderungen werden immer höher und der Körper macht das nicht mehr so mit. Es besteht immer das Risiko, dass ein Arbeitgeber dann sagt, es passt einfach nicht“, sagt Kathrin Moldt.

Vor diesem Hintergrund spricht sich Brigit Czarschka für öffentlich geförderte Beschäftigungsmöglichkeiten aus. „Ich würde den beiden nur zu gern einen Arbeitsvertrag anbieten.“

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