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Bützower Zeitung

20. Oktober 2017 | 14:45 Uhr

Rostock : Ein Langläufer in der Brust

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

83-jähriger Jürgenshägerin wurde in Rostock ein Schrittmacher implantiert. Gerät läuft rekordverdächtige 30 Jahre ohne Probleme #wirkoennenrichtig

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erstellt am 25.Jan.2017 | 11:45 Uhr

Den 5. Februar 1987 wird Waltraud Niemietz niemals vergessen. An diesem Tag wurde ihr in der Rostocker Uniklinik ein Herzschrittmacher eingesetzt „und damit ein neues Leben geschenkt“, wie die rüstige Seniorin rückblickend erklärt. Dass sie mit dem kleinen Gerät der Baureihe LCP 255 einmal Geschichte schreibt – und mit dessen Nonstop-Laufzeit von bisher 30 Jahren möglicherweise sogar einen Weltrekord aufstellt – war der Jürgenshägerin damals nicht bewusst. „Ich war nur froh, dass ich alles wieder machen konnte. Am meisten interessierte mich nach der Operation nur, ob ich wieder auf der linken Seite schlafen kann, nachdem das Gerät dort eingesetzt wurde.“

Ursprünglich war die heute 83-Jährige in Behandlung, weil sie aufgrund ihres schwächelnden Herzens immer wieder stürzte und ohnmächtig wurde. Auch bei einer Untersuchung in der Klinik. „Dort hieß es dann, ein Schrittmacher könnte mir helfen. Mit dem Thema und der Technik hatte ich mich vorher nie beschäftigt, es betraf mich ja nicht“, sagt Waltraud Niemietz. Sie beteuert bis heute, „dass ich damals gespürt habe, wie das Gerät angesprungen ist“.

Seit 2002 wird die Rekordhalterin als Patientin in der Praxis von Dr. Jens Placke am Klinikum Südstadt Rostock betreut. Der Kardiologe kannte das Schrittmacher-Modell von Waltraud Niemietz noch aus seinem Studium. „Ein Grund für die rekordverdächtige Laufzeit ist sicherlich auch, dass der Schrittmacher von Frau Niemietz zwar immer an, aber nicht permanent, sondern nur im Bedarfsfall im Einsatz ist, weil sie keine dauerhafte Rhythmusstörung hat“, sagt der Mediziner. Wie oft das Gerät mit der Größe einer Streichholzschachtel anschlägt, sei nicht gesichert zu sagen – „im Gegensatz zu den heutigen Geräten zeichnet dieser Schrittmacher keine EKG-Daten auf“, erklärt Plackes Praxismanagerin Victoria Räthel. Alle drei Monate würde der Batteriestatus des Schrittmachers von Waltraud Niemietz kontrolliert werden. „Und er ist noch weit davon entfernt, dass ein Wechsel notwendig wäre“, sagt Dr. Placke.

Mit der Geschichte des langlebigen Gerätes seiner Patientin sorgt der Kardiologe bei Fachkollegen immer wieder für Erstaunen. „Es wurde für damalige Verhältnisse eine sehr gute und fortschrittliche Qualität verbaut – ein solider Einkammer-Schrittmacher“, erklärt Placke. Geräte der LCP-Reihe wären noch bis 1991 bei Patienten in China eingesetzt worden. Erstaunlich sei auch, dass die einzelnen Bauelemente und das Kabel so lange halten. Die Herstellerfirma, das Transformatoren- und Röntgenwerk Dresden, wurde vom Unternehmen Medtronic gekauft, das heute noch Schrittmacher produziert – allerdings nur mit einer Laufzeit von 10 bis 15 Jahren.

Die Aufmerksamkeit, die ihr Schrittmacher-Rekord mit sich bringt, ist Waltraud Niemietz fast unangenehm. „Aber wenn ich mit meiner Geschichte helfen kann, dann tu ich es gern“, sagt die Seniorin.

Den Ingenieuren und Entwicklern ihres kleinen Lebensretters ist die Jürgenshägerin unendlich dankbar. „Ich bin glücklich, dass ich geistig und körperlich fit bin. Rekorde sind mir egal“, sagt die Mutter einer Tochter.

Ihr größter Wunsch hängt aber doch mit dem nur rund 60 Gramm leichten Gerät zusammen: „Ich hoffe, dass die Batterie noch eine ganze Weile weiter hält und kein Austausch nötig wird.“

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