Häftlingstreffen Bützow : Ein Blick zurück lässt nachdenken

Verurteilt für drei Jahre Gefängnis: Irmgard Sinner (Mitte) berichtet Schülern von ihren Erlebnissen als politische Gefangene in Halle (Saale).  Fotos: Nicole Groth
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Verurteilt für drei Jahre Gefängnis: Irmgard Sinner (Mitte) berichtet Schülern von ihren Erlebnissen als politische Gefangene in Halle (Saale).

Zweiter Tag des 13. Häftlingstreffens in Bützow: Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums befragten Gefangene der DDR

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28. September 2015, 18:46 Uhr

Jungen und Mädchen der 10. und 11. Klasse des Geschwister-Scholl-Gymnasiums hatten gestern die Gelegenheit, Einblicke in die Erlebnisse ehemaliger politischer Gefangener der DDR zu erhalten. Ein Besuch der Zeitzeugen in dieser Schule ist bereits ein fester Bestandteil im Programm des jährlich stattfindenden Häftlingstreffens in Bützow.

Im Geschichtsunterricht bereiteten sich die  Schüler auf die Zeitzeugenbefragung vor. Doch auch für ein unterhaltendes Begrüßungsprogramm wurde gesorgt. Schüler der Klasse 11a musizierten und inszenierten eine fiktive Moderationssituation mit dem oppositionellen Künstler Wolf Biermann, der von einer Schülerin gemimt wurde. Nach der Präsentation starteten die Fragerunden. Vor Beginn der Befragung stellten sich die ehemaligen Häftlinge  kurz vor. Jeder Schüler konnte dann  drei Kandidaten aussuchen,  mit denen er ins Gespräch kommen wollte. Drei Runden mit je 20 Minuten Redezeit waren angedacht. An Gruppentischen  konnten die Jungen und Mädchen dann ihre Fragen los werden.

Unter den anwesenden Gästen war Peter Lasch aus Schwerin. Er sei der  erste Wehrdienstverweigerer Mecklenburgs, so der Schweriner. Obwohl ihm bis zu fünf Jahre Gefängnis für seine Verweigerung drohten, blieb Peter Lasch standhaft. „Macht  mit mir, was ihr  wollt. Ich mach das nicht“, zitierte er sich selbst vor der Schülergruppe. Auch seine Frau konnte ihn nicht umstimmen.  „Die haben mir die Verweigerung erst gar nicht geglaubt. Schließlich wurde meine Haltung politisch ausgelegt. Ich wäre von westlichen Institutionen dazu angestachelt worden“, erzählt Peter Lasch. Aus den angedrohten fünf Jahren Haft wurden schließlich acht Monate.  Diese Zeit saß der gebürtige Schweriner in der Bützower Justizvollzugsanstalt ab. Welchen  Eindruck er von dem damaligen Gefängnis habe, wollte eine Schülerin wissen. „Es war kein Zuckerschlecken. Wir hatten keine richtige Toilette, sondern einen Kübel.  Einen Eimer mit Wasser bekamen wir in die Zelle gestellt. Damit mussten wir den ganzen Tag auskommen“, sagt Peter Lasch. Der Schweriner teilte sich die Zelle mit drei weiteren Insassen. Das Gefängnis sei aber auch eine Schule für ihn gewesen. Man lerne, miteinander auszukommen, so der Schweriner. Doch die Wende empfände er als  absolute Befreiung. „Endlich nicht mehr beobachtet werden. Endlich können wir uns frei versammeln“, so Peter Lasch.

Auch Irmgard Sinner sei froh über die Wende gewesen, teilte die Mauer doch ihre  Familie. Ob sie Fluchtgedanken hatte, fragte eine Schülerin. „Wir haben einmal darüber nachgedacht. Aber mein Mann hätte mit der Flucht seine Familie gefährdet“, erzählt Irmgard Sinner. Ihr Mann sei Goldschmiedemeister gewesen, wollte sich seine Arbeit aber nicht von der Produktionsgenossenschaft diktieren lassen. Schwarzarbeit war seine Alternative. Ein Freund im Westen habe ihn öfter besucht und dabei Perlen für Sinners Arbeit als Goldschmied im Absatz  geschmuggelt. Die berufliche Befreiung bedeutete jedoch Freiheitsentzug für den Goldschmiedemeister.

„Sie haben ihn gequält. Er hat keine vier Monate ausgehalten bis er seine Tätigkeit zugab“, berichtet Irmgard Sinner. Um eine Enteignung in der DDR durchsetzen zu können, müsse auch Irmgard Sinner als seine Ehefrau verurteilt werden. Sie wurde in Halle  inhaftiert. „Meine Familie und ich hatten aber besonders Angst, ob mein Mann die Haft durchsteht. Denn ich kann euch sagen, Männer haben immer mehr Angst als Frauen“, erzählt Irmgard Sinner und sorgt damit für Lachen bei den Schülerinnen. Es höre sich jetzt alles einfach an, aber es sei eine schreckliche Zeit gewesen, so Irmgard Sinner. Ihr Mann ist mittlerweile verstorben. Doch sie kommt zu den Treffen, um die Geschichte weiterzugeben – genauso wie Peter Lasch und die anderen ehemaligen politischen Häftlinge. „Als ich vergangenen Sonntag aus meinem Hotelzimmer blickte, sah ich das beleuchtete Gefängnis.  Ich bin sehr froh, dass diese Zeit vorbei ist“, sagt Peter Lasch.

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