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Bützow Aufbau-Tagebuch : Ein Arbeitsplatz mit Aussicht

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Industriekletterer sichern die Spitze der Stiftskirche. Heute wird die Turmlanze abgenommen.

svz.de von
erstellt am 21.Mai.2015 | 08:00 Uhr

Die Spitze der Stiftskirche ist oft das erste, was Autofahrer aus der Ferne von der Stadt sehen. Selbst Kilometer weit entfernt, ist ihre Spitze immer gut erkennbar. Seit zwei Wochen jedoch hat die Wetterfahne einen Knick.

Die Turmlanze aus massivem Eisen, sechs Zentimeter dick, hat beim Sturm einiges aushalten müssen. Seither steht sie schief auf dem Turm. Sie ist um 45 Grad geneigt, erklärt der 40-jährige Henna. Er ist Industriekletterer, der sich auf Kirchen spezialisiert hat.

Gestern baute er gemeinsam mit Adam Nadziak ein Gerüst um die Spitze auf, um die Demontage vorzubereiten. Denn eines war schon am Tag nach dem Sturm klar: „Das ist da oben auch nicht reparabel“, so Henna. Er war einer der ersten, die aus der Vogelperspektive einen Überblick über das wahre Ausmaß der Schäden nach dem Tornado hatte. „Das, was hier in Bützow passiert ist, habe ich noch nicht gesehen“, gesteht er. Während seiner Arbeit auf den Dächern der Kirche, des Schlosses und des Pfarrhauses verfolgte er auch die Arbeiten an allen anderen Gebäuden. Gestern, über zwei Wochen nach dem verheerenden Sturm, seien die Schäden aus der Vogelperspektive noch immer unübersehbar.

Die Bedingungen müssen stimmen
Dass nun einige Tage vergingen, lag unter anderem am Wetter. In dieser Höhe werden Wind und Regen schnell zum Problem. „Die Bedingungen müssen schon gut sein“, sagt Olaf Gruning, ebenfalls freischaffender Industriekletterer. Die Kirche selbst bekam gestern ein Gewand aus Baugerüsten. Die Blicke der Passanten wanderten aber immer wieder nach oben. Einige wunderten sich, warum nicht einfach ein Kran geholt wurde. Die Antwort hatte Olaf Grunig: zu teuer, zu umständlich. „Ich bin der Kran“, sagt Grunig mit einem Lächeln. Er hatte gestern den anstrengendsten Job, auch wenn er am Boden blieb.

78 Meter bis ganz nach oben sind ihm dann doch zu viel, auch wenn ihm seine Arbeit sichtlich Freude bereitet. Das Klettern, die Höhe und der Adrenalinschub reizen ihn immer wieder. Er ist oft auf Kirchendächern zu Gange, „aber Spitzen sind nicht so oft im Repertoire“, fügt er an. Die Treppen und Leitern im Kirchturm bis zu einer Luke kurz unter der Spitze erklammen gestern Henna und Adam Nadziak. Dort folgte der Ausstieg, gesichert an Seilen.

Vertrauen in die eigene Sicherung

„Es ist nicht viel Platz da oben und es wackelt“, überlässt Grunig diesen Balanceakt auch heute anderen. Mit einem Seilzug zog er die Gerüstteile nach und nach Richtung Kirchturmspitze. Heute ist er zudem dafür verantwortlich, dass die Turmlanze sicher den Boden erreicht. Eine schweißtreibende Arbeit. Immer wieder kommen von oben Zurufe, was benötigt wird. Aber: „Sie drängeln nicht, sonst passieren Fehler“, versichert er.

Viel lieber entspannen die beiden auf dem Turm in den kurzen Pausen. „Das ist ein sehr schöner und vor allem ruhiger Arbeitsplatz“, sagt Henna und grinst. Unsicher fühlt er sich auch an der verbogenen Spitze nicht. „Wenn man an zwei Seilen hängt, ist das wie ein Geländer“, hat er vertrauen in die Sicherung. Zu zweit sei aber ständige Abstimmung notwendig, damit sich nicht irgendwann ein Seilwirrwarr bildet. „Für mich ist das ein Job, der jedes Mal von Neuem der Überlegung bedarf“, sagt der 40-Jährige.

Alles zum Thema Tornado in Bützow unter: www.svz.de/tornado

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