Geschichten aus dem Schuhkarton – Teil 136 : Die Vierburg im Wandel der Zeit

Historische Ansicht der Vierburg um 1850. Noch steht der Schlagbaum an der Zollstation.  Repro: Fritz Hossmann
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Historische Ansicht der Vierburg um 1850. Noch steht der Schlagbaum an der Zollstation. Repro: Fritz Hossmann

Die Vierburg: Von der Entwicklung, Erinnerungen und der Namensgebung des historischen Gebäudes

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31. Dezember 2016, 09:00 Uhr

„Es gibt in Bützow keinen schöneren Saal zum Feiern“, meint Markus Göllnitz beim Aufräumen nach der nun schon zweiten Weihnachtsfeier der fast 80 Beschäftigten des Bützower Dauermilchwerkes der ALMIL AG in der Vierburg. In sieben Jahren hat der heutige Eigentümer, Steffen Schröder, das jahrelang leerstehende und von den Dachbalken bis zum Fußboden marode Gebäude zum größten Teil saniert. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit erstrahlte der Saal mit der hohen, gewölbten Decke im neuen Glanz. Parkettfußboden, ein scheinbar aus Felsen gemauerter Tresen und rustikale Dekors geben den Raum ein besonderes Flair. Etwas ganz Besonderes ist die alte Zolltafel, die einst draußen an der Hauswand an die ehemalige Zollstation vor der Stadt erinnerte. Große Familienfeiern zu runden Geburtstagen, Hochzeiten, Jugendweihen, Einschulungen sowie Betriebsfeste und Weihnachtsfeiern haben nun im restaurierten Saal schon stattgefunden.

Dabei wurden bei den Älteren immer wieder Erinnerungen wach. Wie oft waren sie mit ihren Eltern den schattigen Weg vom Andreassteig in die Vierburgwaldung zum Peetscher See spazieren gegangen und hatten in der Vierburggaststätte Rast gemacht. Und wie oft waren sie am Kindertag hierher marschiert, die Mädchen mit Blumenkränzen im Haar, und hatten auf der Festwiese bei Sackhüpfen, Dosenwerfen oder Tontaubenschießen ihren Spaß. Später waren sie hier regelmäßig zum Tanz. Nach so mancher Herrentagtour war hier Endstation und endlos weit erschien dann im torkelnden Schritt der Weg nach Haus.

Bis Ende des 18. Jahrhunderts war der Vierburgpächter Landwirt, Schäfer, Zöllner, Holzwärter und Gastwirt in einer Person. Mit immer weiter voranschreitender Aufforstung der Flächen zwischen der Warnow und dem Peetscher See, die der Pächter kontraktmäßig auszuführen hatte, verlagerte sich seine Tätigkeit immer mehr auf das Gastgewerbe. Bereits mit dem Neubau des Wohnhauses auf den Felsenfundamenten des alten kombinierten Wohn- und Stallgebäudes wurde der Gastraum vergrößert. Nach dem Wegfall des Damm- und Brückenzolls am 1. Mai 1852 und der separaten Bestellung eines Holzwärters, später zugleich Jäger, wurde aus dem Vierburgpächter ein Gastwirt mit kleiner Landwirtschaft. Nachdem für den Holzwärter auf der gegenüberliegenden Seite des Landwegs ein Haus mit kleiner Stallung gebaut wurde, erhielt der Pächter vom Magistrat die Genehmigung, Wohnräume in einen Saal umzubauen. Nun erst wurde die Vierburg zu einem wahren Vergnügungsort mit Tanzsaal, Kegelbahn und Lustgarten.

„In de Vierburg is all ümmer fiert worden“, erzählten die Großeltern. Texte und Inserate in dem von Friedrich Werner 1839 herausgegebenen Wochenblatt Der Volksfreund und in der späteren Bützower Zeitung von Carl Buhr sen. sind Belege für einen regen Betrieb in dem Waldrestaurant und auf der Festwiese. So berichtete die Zeitung im Juni 1853 von einem unter großer Beteiligung abgehaltenen Landesschützenfest mit Tierschau und Gewerbeausstellung „Künstler und Handwerksmeister“. Regelmäßig luden die Restaurantbetreiber zu Tanzveranstaltungen ein, die schon nachmittags um 15 Uhr begannen. Ab Himmelfahrt 1895 verkehrte ein Motorboot, „um den Einwohnern, namentlich den älteren, den Besuch der Vierburgwaldung zu erleichtern“. Ab 1906 konnten die Bützower einen Omnibus zu den Veranstaltungen in der Vierburg benutzen.

Damals wie heute gab und gibt es immer wieder die Frage: Woher kommt der rätselhafte Name „Vierburg“ für die Gehöfte und die Waldung? Und immer wieder kommen recht sonderliche Deutungen für den aus „Vier“ und „Burg“ zusammengesetzten Namen zustande. „Fiehrt würd dor all ümmer“ – gefeiert „up de Burg.“ Vierburg. „Auf der Vorburg“ wurden im 19. Jahrhundert und in den Volkszählungen die Gehöfte bezeichnet. Dort wurden zum Beispiel 1867 der Gastwirt Christian Schröder mit seiner siebenköpfigen Familie, zwei Knechten, einer Köchin und einem Stubenmädchen sowie der Jäger Johannes Busch mit seiner fünfköpfigen Familie und einem Knecht gezählt. Vorburg, auf Plattdeutsch Vörburg. „Dor wat Vierburg ut worden sein“, meint schmunzelnd ein Gewitzter.

Schon 100 Jahre hält sich die Aussage, dass die Vierburg im Mittelalter eine befestigte, wehrhafte Anlage (mittelalterlich Revelin) vor den Toren der Stadt Bützow gewesen sei. Dafür gibt es weder in der Literatur noch auf alten Landkarten einen Beweis. Lediglich ein aufgeworfener Erdrücken von der Vierburg zum Moor am Peetscher See wird als „Alte Verschanzung“ ausgewiesen.

Eine plausible Erklärung für den Namen Vierburg ist in einer mehr als 40 Seiten umfassenden Abhandlung von dem Rühner Walter Meyer aus dem Jahre 1980 zu finden. Der Lehrer an der Erweiterten Oberschule und passionierter Heimatforscher fand in Originalakten und auf Landkarten heraus, dass schon um 1500 die zur Stadt Bützow gehörende „geringe Hölzung“, minderwertige Birken- und Erlenbrüche zwischen Mooren und Ödland, als „Städtische Fire“ genannt wurde. Als „Eickvier“, „Holtvier“, „Pap’n Vier“ oder „Pier-Vier“ bezeichnete Flächen fand er auf benachbarten Gemarkungen. Und warum soll nicht eine Burg (hier wohl eher Ansiedlung) auf der Fire im Laufe der Zeit zur Vierburg geworden sein? Ein Name, der sich auf die gesamte aufgeforstete Waldung übertragen hat.

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