Bützow : Die vergessene Berufsgruppe

Die Probleme ihrer Berufsgruppe würden in der Corona-Krise weitgehend keine Beachtung finden, sagen Physiotherapeutin Mareen Johrde ( l.) und Ergotherapeutin Annika Schneider aus Güstrow.
Die Probleme ihrer Berufsgruppe würden in der Corona-Krise weitgehend keine Beachtung finden, sagen Physiotherapeutin Mareen Johrde ( l.) und Ergotherapeutin Annika Schneider aus Güstrow.

Physio- und Ergotherapeuten schlagen Alarm: wegen Corona-Krise kaum noch Patienten, wirtschaftlicher Ruin droht

von
29. März 2020, 18:00 Uhr

Ob Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden oder Podologen – bei vielen von ihnen wächst in diesen Tagen die Verzweiflung. Ein wesentlicher Grund: Immer mehr Patienten sagen aus Angst vor der Corona-Welle ihre Behandlungstermine ab. Viele würden zudem glauben, dass die Praxen aufgrund der verhängten Kontaktverbote geschlossen seien, sagt Annika Schneider. Doch die Ergotherapeutin hat ihre Praxis im Güstrower Waldweg weiter offen. Ihren Betrieb musste sie allerdings extrem runterfahren. Mehr als 60 Prozent weniger Patienten hat sie aktuell. Sie ist auf eine Zwei-Tage-Woche runtergegangen, hat Kurzarbeit angemeldet. Umsatzrückgänge von 60 bis 90 Prozent seien programmiert. „Das ist schon heftig bei drei Mitarbeitern, die bezahlt werden wollen“, sagt Annika Schneider.


Hausbesuche bei älteren Menschen

„Immer wird über andere Berufsgruppen geredet, aber wie es uns geht, wissen die wenigsten“, sagt auch Mareen Johrde, Physiotherapeutin in Güstrow. Und Annika Schneider ergänzt: „Wir sind die einzige Gruppe innerhalb der medizinischen Dienstleistungen, die nicht unter den Rettungsschirm fällt.“ Gerade das fordern die beiden Güstrowerinnen: einen weiteren Rettungsschirm für Therapeuten. Sie dürften nicht die „vergessene Berufsgruppe“ bleiben. Als so genannte Heilmittelerbringer seien sie „systemrelevant.“ „Sollten Praxen aus finanziellen Gründen schließen müssen, wird dies auch in Güstrow nicht nur jetzt in der Krise, sondern auf Dauer massive Versorgungsprobleme bringen“, bringt es die Ergotherapeutin auf den Punkt.

Der Großteil der Patienten von Annika Schneider und Mareen Johrde gehört derzeit zur Risikogruppe der über 60-Jährigen. Für sie bietet Annika Schneider auch weiter Hausbesuche an. „Unter verschärften Hygienebedingungen mit Handschuhen, Mundschutz und Schutzkleidung“, sagt die Ergotherapeutin. Da es jedoch in Pflegeheimen ein Besuchsverbot gebe, komme sie hier nicht mehr rein. „Da fallen schon mal 40 Prozent meiner Patienten weg“, sagt sie.


Kurzarbeit angemeldet, aber nicht beantragt

„Wir sitzen auf einer Wackelkiste“, sagt auch Wolfgang Wehrmann. Gemeinsam mit Grit Maren Pannwitt betreibt der Bützower eine Physiotherapiepraxis. Und die ist weiter offen. Insgesamt sind allein fünf Therapeuten dort tätig. Hinzu kommen zwei Anmelde- und zwei Reinigungskräfte. Wehrmann spricht von 33 bis 50 Prozent weniger Behandlungen. Zum einen weil Kunden aus Angst nicht kommen, zum anderen weil die Aufträge in Pflegeheimen derzeit nicht möglich sind. „Wir haben die Situation mit den Kollegen gemeinsam besprochen und Kurzarbeit angemeldet. Solange wir jedoch liquide sind und so über die Bühne kommen, verzichten wir darauf, Kurzarbeit zu beantragen“, betont Wehrmann. „Wir doktern im Moment ins Blaue“, wie es der Bützower nennt. Sie würden versuchen, Angebote wie zum Beispiel die Stundung von Steuern einzusetzen, um die Zahlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten.

„Eigentlich hätten wir genug zutun, aber gerade haben wir überhaupt keine Patienten mehr“, sagt Mareen Johrde, die eine Angestellte hat. Auch die Physiotherapeutin aus Güstrow hat bereits Kurzarbeit angemeldet. „Akute Fälle können sich aber weiter bei uns telefonisch einen Termin holen“, sagt sie. Ihre Einnahmen sind komplett weggebrochen. „Ich hoffe, dass wir am 6. April wieder unseren Betrieb aufnehmen können, ansonsten muss ich Hilfe in Anspruch nehmen.“

Die derzeitige Extremsituation bringe die selbstständigen Praxisinhaber und ihre Angestellten immer näher an den Rand des wirtschaftlichen Ruins. Die Therapeutinnen Annika Schneider und Mareen Johrde sind verzweifelt. Sie fordern nicht nur eine Anerkennung ihrer Arbeit, sondern auch Hilfe von der Politik. „Zwei-Tage-Woche, Kurzarbeit: Das wird uns auf Dauer auch nicht den Popo retten“, sagt Annika Schneider.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen