Geschichten aus dem Schuhkarton : Der Klempnerstreit von Bützow

fritz hoßmann-mit bart
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Gestern noch himmelhoch jauchzend, nun zu Tode betrübt, saß Friederich Wernicke nach dem Kirchgang vor seiner Frau Dorothe und den sechs Kindern, das jüngste gerade zwei Jahre alt.

Gestern noch himmelhoch jauchzend, nun zu Tode betrübt, saß Friederich Wernicke nach dem Kirchgang vor seiner Frau Dorothe und den sechs Kindern, das jüngste gerade zwei Jahre alt. Während nach der Auflösung der Universität 1789 zahlreiche Handwerker die Stadt verlassen hatten, etliche Hausbesitzer und Ackerbürger immer noch auf einem riesigen Berg Schulden saßen, war es ihm in den schweren Jahren bei sparsamster und zurückgezogener Lebensführung gelungen, seinen Verbindlichkeiten pünktlich nachzukommen. Jetzt, da die Stadt langsam wieder aufatmete, hatte er gestern noch für sich und seine Familie trotz der ständig steigenden Lebensmittelpreise eine weitere auskömmliche Zukunft gesehen. Nun hatte er von dem einflussreichen Kaufmann Gisbert Kramer, der mit ihm zum Vorstand der reformierten Kirchgemeinde gehörte, erfahren, dass sich beim Magistrat ein weiterer Klempner um Niederlassungsrecht in der Stadt und Zulassung in seinem Gewerbe bemühte. Nach Kramers Informationen schien der Magistrat geneigt, den zweiten Klempner zuzulassen. Friederich Wernicke sah für diesen Fall aufs Neue den Absturz der Familie in Hunger und Elend.

Gerade 19 Jahre war der in Wittstock geborene alt, als er sich 1765 als junger Wandergeselle in der kleinen Ackerbürgerstadt, die mit ihren vielen herunter gekommenen Häusern auf ihn einen äußerst ärmlichen Eindruck machte, nach Arbeit bei einem Klempnermeister umsah. Doch den gab es hier noch nicht. So wollte Friederich Wernicke weiterziehen. Dass sich ein Klempnergeselle in der Stadt aufhielt, hatte sich jedoch schon wie ein Lauffeuer rumgesprochen. Die Dekane der erst seit fünf Jahren bestehenden Universität, Mantzel und Döderlin, und Bürgermeister Odewahn gaben sich all mögliche Mühe, um ihn in der Stadt sesshaft zu machen. Der Bürgermeister pries die Universität als Segenbringer für Handel und Gewerbe des Ortes, als reiche Quelle immer fließenden Geldes. Die Stadt würde aufblühen. Die Universität versprach jegliche Unterstützung und wollte Vorschüsse für notwendige Aufwendungen zahlen. Doch Friedrich Wernicke fühlte sich noch zu jung, lehnte dankend die Angebote ab und zog weiter nach Wismar.

1771 kam er mit mehreren hundert Talern aus elterlichem Vermögen zurück nach Bützow, vertraute auf die vor Jahren gemachten Versprechungen und glaubte an ein gutes Fortkommen in einer aufblühenden Universitätsstadt. Er legte den Bürgereid ab, bekam Gewerbegenehmigung und Niederlassungsrecht. Die kleine Bude 247 (Breite Straße 13) wurde Wohnung und Werkstatt. Im Handumdrehen war sein Bares für Werkzeuge, wie diverse Blechscheren, Zangen, Hämmer, Schaleisen; Bördeleisen, Rinnenstöckel… ausgegeben. Für einen ausreichenden Materialbestand an Feinblechen aus Eisen, Zink, Kupfer und Blei reichte das Geld nicht. Die Universität stand jedoch nicht zu ihren Versprechungen, und so musste Friedrich Wernicke sich hoch verschulden beim jüdischen Kaufmann Isaac Engel, der aus Breslau nach Bützow gekommen war. Jahrelang drückten ihn die Schulden und erst 1789 sah er sich in der Lage eine Familie zu gründen. Mit 43 Jahren heiratete er die in Bützow geborene Dorothe Schrector an ihrem 18. Geburtstag. In seiner großen Not klagte Friederich Wernicke dem Vertreter des Großherzogs im Amt Bützow, Drost von Stern, sein Leid. Von Stern hatte Verständnis für die kummervolle Situation des Klempners, mit dessen Arbeiten auch der Amtshauptmann stets zufrieden war. Datiert ist das Gesuch an den „Durchlauchtigsten Herzog, Gnädigsten Herzog und Herrn“, in dem sein „Alleruntertänigster Knecht Friederich Wernicke“ um die Monopolstellung auf Lebenszeit bat, vom 5. Juli 1801. Eine Antwort aus Schweriner Innenministerium ließ nur knappe zwei Wochen (!) auf sich warten. Graf von Bassewitz befahl dem Magistrat, bis zum Ableben von Friederich Wernicke keinen weiteren Klempner zuzulassen.

Die Zweitschrift des Gesuches des ersten und bis dahin einzigen Klempners in Bützow sowie das Antwortschreiben gehören zu den vielen im Museum aufbewahrten Schätzen. (wird fortgesetzt)

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