Häftlingstreffen in Bützow : „DDR-Zeit hatte viel Unrecht“

Die Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums begrüßten die Zeitzeugen sowohl musikalisch als auch mit einer eigenen Präsentation.  Fotos: Lennart Stahlberg
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Die Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums begrüßten die Zeitzeugen sowohl musikalisch als auch mit einer eigenen Präsentation. Fotos: Lennart Stahlberg

Zeitzeugen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums kamen ins Gespräch

svz.de von
29. September 2017, 12:00 Uhr

Geschichte live erleben durften gestern die Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums. Im Zuge des Häftlingstreffens führten sie Gespräche mit Zeitzeugen aus der DDR-Zeit und konnten ihnen ihre Fragen stellen.

Die Veranstaltung wurde jedoch ungewöhnlich eröffnet. Denn getreu dem Motto „Geschichte darf nicht vergessen werden“ trugen die Schüler einzelne Biografien aus der NS-Zeit vor. Die Einzelschicksale von Deportierten, die in den Vernichtungslagern der Nazis umkamen, schufen eine beklemmende Stimmung in der Aula. Das Ganze wurde zudem musikalisch begleitet. „Biografisches Wissen ist in der Arbeit mit Zeitzeugen sehr wichtig“, sagt Frederic Werner, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung für das Landesbüro MV. Auch in der DDR habe es viel Unrecht gegeben. „Die Menschen dort haben teilweise viel gelitten.“ Anschließend fanden sich Zeitzeugen und Schüler in Gruppen zusammen. Und so wurde es ganz privat zwischen den beiden Generationen. Einige erzählten, wie sie und ihre Familien durch das Ministerium für Staatssicherheit unter Druck gesetzt wurden. Andere sagten offen, dass sie Foltermaßnahmen erleiden mussten. Auch die 76-jährige Hannelore Quandt konnte ihre Geschichte an die Schüler weitergeben. Diese begann schon in der Nachkriegszeit auf ihrem Familienhof in Ratzeburg bei Lübeck. Sie war gerade mal vier Jahre alt, da wurde ihr Vater, der auch Bürgermeister war, von russischen Soldaten erschossen. „Das Bild meines toten Vaters werde ich nie vergessen. Durch den Schock kann ich mich nicht mehr an ihn erinnern als er noch lebte“, erzählte sie. Doch auch in den Folgejahren sollte die Familie nicht zur Ruhe kommen. „1951 wurde meine Mutter für zwei Monate inhaftiert. Wir wussten nicht, aus welchem Grund sie mitgenommen wurde und auch nicht, ob wir sie jemals wiedersehen würden. Sie wäre wohl für Wirtschaftssabotage verurteilt worden, wenn ein Zeuge nicht seine Aussage verweigert hätte. Das Weihnachtsfest, nachdem sie freikam, war das beste meines Lebens.“

Jahre später musste die Familie zudem zwangsumgesiedelt werden, da sich ihr Hof auf dem späteren Gebiet des Todesstreifens befand. Teile ihres Besitzes wurden niedergebrannt und trotzdem suchten Soldaten noch nach belastenden Beweisen, um die Umsiedlung zu rechtfertigen. „Meinem Opa war klar, dass wir unsere Heimat nie wieder sehen würden“, sagt Hannelore Quandt. „In unserer neuen Wohnung hatten wir nicht mal genug Platz für unsere Möbel.“

Ihre Geschichte war noch lange nicht zu Ende, da fuhren schon die letzten Busse von der Schule ab. Gerne hätten die Jugendlichen noch mehr gehört.

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