Nach dem Tornado : „Das tut weh, weil man machtlos ist“

Architekt Hartmut Böhnke (r.) geht gemeinsam mit Markus Merz, Sachverständiger der Matthias Wunsch Gesellschaft aus Berlin, die Schäden im Außenbereich durch.  Fotos: Sabine Herforth
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Architekt Hartmut Böhnke (r.) geht gemeinsam mit Markus Merz, Sachverständiger der Matthias Wunsch Gesellschaft aus Berlin, die Schäden im Außenbereich durch. Fotos: Sabine Herforth

Kaputte Türme, tiefe Risse – die Schäden am Rathaus werden Architekt Hartmut Böhnke und sein Team noch lange beschäftigen

svz.de von
07. August 2015, 19:06 Uhr

Seit Wochen verhüllt sich das Rathaus vor neugierigen Blicken. Eine geplante Maßnahme, denn schon vor dem Tornado, der das Gebäude stark beschädigte, stand der Termin fest. Die Fassade sollte saniert werden. Zu den ursprünglichen Aufgaben sind durch den Sturm jedoch etliche hinzugekommen.

Das Ausmaß der Schäden ist enorm, die fehlenden drei Türme rechts des Haupteingangs sind die wohl am offensichtlichsten.   Architekt Hartmut Böhnke hat sich in den vergangenen Wochen einen Überblick verschafft, wie es um das Rathaus steht und einen Schlachtplan entwickelt wie es nun weiter geht.  

Dachdecker haben inzwischen die vom Sturm am stärksten betroffene Dachseite abgedeckt. Die Schieferplaten stapeln sich auf dem Baugerüst und werden noch gebraucht. „Hier ist jetzt schon eine Notdeckung drauf. Die Platten  werden genutzt, um die anderen Seiten zu reparieren“, erklärt Böhnke. Denn die verwendeten Schieferplatten sind in gleicher Größe und Farbgebung nicht verfügbar. Einzig der  freigelegte Teil soll   mit Platten einer anderen Größe gedeckt werden.

Sorgen bereitet ihm eher die sogenannte Attika – eine über dem Kranzgesims befindliche Aufmauerung, auf dem das Dach aufsetzt. Denn das heute sichtbare Dach ist gar nicht das ursprüngliche, verrät der Architekt. Dieses liegt einen guten halben Meter darunter, quasi ein Dach unter dem Dach.

Ein tiefer Riss an der Aufmauerung zieht sich meterweit. Ein Indiz dafür, dass  hier Bewegung stattfand.  Diese lässt sich aber nicht komplett dem Tornado zuordnen. Auch das Fundament spielt hier eine Rolle. Der Grund unter dem Rathaus ist erst in einer Tiefe von 2,5 Metern tragfähig, das Fundament reicht jedoch nur 1,5 Meter tief. Über ein Hochdruck-Injektionsverfahren soll  nun Material eingespritzt und der Baugrund stabilisiert werden.  Die Methode wurde auch im früheren Amtsgericht Bützows, in dem heute der Hort und der Freizeit-Treff untergebracht sind, erfolgreich angewendet.

Ein  Problem anderer Natur ist ein  Riss entlang einer Außenkante, der auch vom Rathaussaal gut erkennbar ist. „Der Riss hatte sich in den letzten Jahren schon eingestellt“, erklärt Böhnke. Bei der letzten Messung war er einen guten Zentimeter breit, sollte bei den geplanten Sanierungsmaßnahmen in Angriff genommen werden. Der Tornado hat ihn noch einmal kräftig um weitere fünf Millimeter bewegt.  Gewundert hatte sich Böhnke aber schon vorher über den vertikalen Verlauf.  „Wie kann ein Riss senkrecht gehen?“ Unter dem Putz zeigt sich, dass die verwendeten Steine entlang des Risses  nicht so stark verzahnt sind, wie erwartet. „1880 haben die Bauherren noch was ganz anderes im Kopf gehabt“, sagt er und lacht.

Alle Schäden zu beheben wird Monate dauern, denn Türme, Wände und Fundament brauchen Stabilität. „Konstruktiv müssen wir etwas mehr machen als gedacht“, erklärt Böhnke nach einer Begehung der Baustelle. Ein Statiker begleitet die Arbeiten. Die  vorgesehenen Reparaturen erinnern ein wenig an die Chirurgie. So wie Knochen mit Schrauben wieder zusammengefügt werden, sollen auch die Risse in Türmen und Wänden mit Ankern stabilisiert werden.

Als Architekt bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Schäden, die der Tornado in wenigen Minuten anrichtete, hinzunehmen. „Das tut sehr weh, weil man machtlos ist. Das ist ja kein Baupfusch, sondern eine unglaubliche Gewalt gewesen“, resümiert Böhnke.

Weitere Informationen rund um den Tornado in Bützow lesen Sie in unserem Dossier.

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