Veranstaltungsreihe „Kulturpunkt Kloster“ in Rühn : Das dunkle Kapitel Jugendwerkhof

<strong>Heidemarie Puls hält eine kleine 'Trophäe' mit der Siegesgöttin</strong> den den Händen. Die hatte sie dem Klosterverein zu ihrer Lesung mitgebracht, um auch daran zu erinnern, dass es in Rühn einen Jugendwerkhof gegeben hat. <foto>Nadine Schuldt</foto>
Heidemarie Puls hält eine kleine "Trophäe" mit der Siegesgöttin den den Händen. Die hatte sie dem Klosterverein zu ihrer Lesung mitgebracht, um auch daran zu erinnern, dass es in Rühn einen Jugendwerkhof gegeben hat. Nadine Schuldt

Schreie, Schläge und auch Isolation in der Zelle - Heidemarie Puls schildert an einem Veranstaltungsabend in Rühn ihre Erinnerungen an die Zeit im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau auch die schlimmsten Episoden.

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18. Januar 2013, 09:26 Uhr

Rühn | Schreie, Schläge und auch Isolation in der Zelle - Heidemarie Puls schildert in ihren Erinnerungen an die Zeit im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau auch die schlimmsten Episoden. Bei der Veranstaltungsreihe "Kulturpunkt Kloster" hat sie Donnerstagabend aus ihrem Buch "Schattenkinder - Hinter Torgauer Mauern" gelesen.

Den ganzen Abend stand ihr bewegendes Schicksal im Mittelpunkt. Deutlich schildert sie ihre zerrütteten Familienverhältnisse, rennt als Kind immer wieder von zu Hause weg, weil sie Angst vor ihrem Stiefvater hat. Ungläubiges Kopfschütteln, wenn sie von Schlägen der Erzieher berichtet. Davon, wie sie in der Nacht geweckt wurde. Entsetzen aber auch, wenn sie von der Hierarchie der Jugendlichen und ihrer Kälte untereinander erzählt. Ihre Schilderungen sind auch deshalb bedrückend, weil es in Rühn ebenfalls einen offenen Jugendwerkhof gegeben hat. Und einige der Besucher der Lesung haben dort gearbeitet, können einige Schilderungen sogar nachvollziehen. So wie ein älterer Herr. Doch die Aussagen, dass einige Erzieher die Jugendlichen auch missbraucht und geschlagen habe, will er so nicht stehen lassen. Es habe auch in Rühn Erzieher gegeben, "die ihre Sorgfaltspflicht überschritten haben", sagt der Mann, der den hiesigen Jugendwerkhof zeitweise sogar selber geleitet hat. "Aber das haben wir nicht durchgehen lassen, dagegen wurde vorgegangen", macht er deutlich. Allerdings bringe es ihn auf die Palme, wenn sich Leute, die nie in einem Jugendwerkhof gearbeitet hätten, negativ über die Einrichtung äußern.

Plötzlich steht auch die generelle Aussage "Die, die im Jugendwerkhof waren, haben nicht umsonst dort gesessen" im Raum. Eine Aussage, der immer wieder in der Diskussion um die Jugendwerkhöfe in der DDR auftaucht. Ist damit doch auch der Gedanke verbunden, dass nicht alle Jugendlichen "unbeschriebene Blätter" waren, die dort hinkamen.

"Wir waren noch Kinder, ich war für das, was ich als Kind getan habe, nicht verantwortlich", sagt Heidemarie Puls. Allerdings wurde auch gefragt, warum man heute ein Thema aufrollen muss, was in der Vergangenheit stattgefunden hat. "Damals hatte man ja gar keine Möglichkeiten, irgendetwas zu sagen oder zu machen", sagt Besucherin Isabell Peters. Entweder habe man dann Ärger in der Schule bekommen oder musste seine Karriere an den Nagel hängen, fügt sie hinzu. Sie selbst sei entsetzt, wie viele Dinge man nicht gewusst habe. Ihr sei es wichtig, dass man die Historie dieser Einrichtung aufarbeitet.

Wo und bei wem fängt die Schuld an, wenn ein Kind damals in ein Heim kam?, schildert eine weitere Besucherin einen anderen Blickwinkel. So habe sie als damals tätige Pädagogin zahlreiche Beurteilungen über Schüler geschrieben, erzählt sie offen. Sie wisse, dass aufgrund eines Schreibens ein Kind in ein Heim kam. Auch Christel Schabow öffnet sich, sagt, dass sie sieben Jahre im Ort Vollrathsruhe, wo es auch einen Jugendwerkhof gab, gelebt hat. Jeden Morgen sei sie an dem Gelände vorbei gegangen, und ein Junge hätte jedes Mal drum gebeten, mitgenommen zu werden. Doch auch Schabow wusste nicht, was sich in der Einrichtung abspielt, erst die Aufzeichnungen von Heidemarie Puls haben ihr das Ausmaß der "Erziehungsmethoden" näher gebracht. Für Sigrid Papendorff, einstige Deutschlehrerin, steht eines jedoch fest: "Jedes Kind wird unschuldig geboren, und wenn es in einen Jugendwerkhof kam, dann hatten das die Eltern oder die Gesellschaft aus ihm gemacht".

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