Hippo-Therapie in Fachklinik Waldeck : Auf Gütli Faxi das Kranksein vergessen

<strong>Eine angenehme Therapie:</strong> Torsten Sielemann wird auf 'Gütli Faxi' im Klinikpark   umhergeführt.  Susanne Behrend (r.) achtet auf das Pferd, während sich Tanja Fridriszik auf den Patienten konzentriert. Praktikant Markus Knölcke ist zur Hilfe auch dabei. <fotos>Nadine Schuldt (3)</fotos>
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Eine angenehme Therapie: Torsten Sielemann wird auf "Gütli Faxi" im Klinikpark umhergeführt. Susanne Behrend (r.) achtet auf das Pferd, während sich Tanja Fridriszik auf den Patienten konzentriert. Praktikant Markus Knölcke ist zur Hilfe auch dabei. Nadine Schuldt (3)

Dafür, dass Torsten Sielemann erst zum zweiten Mal auf dem Rücken eines Pferdes sitzt, hält er sich schon ziemlich gut im Sattel. "Es ist ganz schön wackelig", sagt der 30-Jährige. Der junge Mann hat Multiple Sklerose.

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02. Juli 2012, 07:02 Uhr

Schwaan | Dafür, dass Torsten Sielemann erst zum zweiten Mal auf dem Rücken eines Pferdes sitzt, hält er sich schon ziemlich gut im Sattel. "Es ist ganz schön wackelig", sagt der 30-Jährige. Der junge Mann hat Multiple Sklerose, eine Krankheit, bei der die Muskeln mehr und mehr schwinden. Damit ihm beim Reiten nichts passiert, ist er durch einen Gurt gesichert und hat mit Tanja Fridriszik eine aufmerksame Begleiterin an seiner Seite. Die Physiotherapeutin bietet für einige Patienten der Fachklinik Waldeck nahe Schwaan die so genannte Hippo-Therapie an, also eine Behandlung mit dem Pferd. Für Torsten Sielemann ist das eine angenehme Form. Nach einer kurzen Zeit nimmt er beide Hände vom Griff des Voltigiergurtes und bewegt sie so, als ob er gehen würde, passt sich quasi der Gangart des Pferdes an. Der Neubukower ist Patient in der Fachklinik und durchläuft hier eine Vielzahl von Behandlungen, wozu auch die Hippo-Therapie gehört, die jeden Mittwoch von Tanja Fridriszik und Susanne Behrend durchgeführt wird.

Die beiden Thearapeutinnen gehen sehr behutsam mit jedem einzelnen Patienten um und bekommen zudem meist Hilfe von einem Praktikanten. Das Prozedere ist immer ähnlich: Über eine kleine Treppe gelangen die Patienten zu einer Plattform, auf der sie sich quasi auf Höhe des Pferderückens befinden. Tanja Fridriszik steht hinter dem Patienten, hilft ihm, sicher auf dem Tier Platz zu nehmen. Wenn er sitzt, legen die Fachkräfte dem Reiter eine Art Sicherungsgurt an. Dann geht es los. Die Isländerstute "Gütli Faxi" schreitet ruhigen Schrittes in den Park der Fachklinik. Susanne Behrend führt den Vierbeiner, Tanja Fridriszik achtet auf den Patienten.

"Durch die mehrdimensionalen Bewegungen, etwa 120 pro Minute, wird der Patient über den Pferderücken bewegt und seine Muskeln müssen aktiv mitmachen", erklärt die Physiotherapeutin. Dadurch richte sich der Oberkörper auf, die Koordination werde gefördert, die Muskeln gekräftigt und das Gleichgewicht trainiert. Vorbei geht es mit Gütli Faxi an der Klinik, der Vierbeiner biegt in einen schmalen Waldweg ein. Links liegt idyllisch ein kleiner Teich. "Bei dieser Therapie können die Patienten auch mal abschalten, vergessen Krankheit und Klinik", sagt Susanne Behrend. Torsten hat schon zwei Runden geschafft, will aber noch eine dritte Runde auf dem Pferderücken bleiben. "Man weiß danach schon, was man getan hat", sagt er auf ein muskelkaterähnliches Gefühl anspielend und lächelt. Dennoch: Er fühle sich danach besser.

Auch Monika Mende berichtet, dass es ihr nach den Runden mit dem Pferd besser gehe, sie besser laufen könne. Die 62-jährige Multiple-Sklerose-Patientin hatte bereits vor dreieinhalb Jahren erstmals an einer Hippo-Therapie teilgenommen. "Das hat mir so gut getan und gefallen, dass ich eine zweite bei der Krankenkasse beantragt habe", erzählt sie. "Die Hippo-Therapie ist quasi eine Krankengymnastik auf dem Pferd und wird ärztlich verordnet", erklärt Susanne Behrend.

Schon während der Ausbildung zur Physiotherapeutin sei Tanja Fridriszik klar gewesen, dass sie später mal zu Therapiezwecken mit Vierhufern arbeiten möchte. "Es geht darum, das Tier sinnvoll einzusetzen, mit ihm zu arbeiten", erklärt die 41-Jährige. Und Isländerpferde seien dafür besonders geeignet, denn es sind robuste Tiere, die auch ruhig bleiben, wenn mal viele Personen um sie herum sind, sagt die Therapeutin mit Blick auf die unterschiedlichsten Behinderungen. Sie führt diese Therapieform schon seit zwölf Jahren in Waldeck durch. Schade findet sie, dass dass die Therapie vom Heilmittel-Katalog gestrichen wurden. Dadurch müssten die Patienten außerhalb der Klinik die Kosten selber tragen, erklärt sie und blickt auf eine glückliche Monika Mende. Diese reicht Gütli Faxi gerade einen Apfel - etwas Leckeres als Belohnung.

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