Abschied vom geliebten Geschäft

das türchen
1 von 3

Waltraud Sebastian (65) schließt heute ihren Einkaufsmarkt im Bernitter Dorfzentrum / Händeringend Nachfolger gesucht

svz.de von
06. Dezember 2013, 00:34 Uhr

Die Regale sind so gut wie leer, das Licht und die Heizung bereits abgeschaltet. Trotzdem verirren sich gestern noch einige (Stamm-)kunden in der eiskalten Kaufhalle „Mein Markt“ von Waltraud Sebastian. Doch damit ist heute Schluss. Um 14 Uhr verabschiedet sie sich schweren Herzens mit 65 Jahren und zwei Monaten in die wohl verdiente Rente und gibt ihren ge- und beliebten Laden im Bernitter Dorfzentrum nach 21 Jahren privater Wirtschaft auf. „Wir möchten ihr danken, dass sie das so lange gemacht hat“, sagt Bernitts Bürgermeister Erhard Fink, der ihr im Rahmen unserer SVZ-Aktion ein kleines Geschenk sowie einen großen Blumenstrauß der Gemeinde überreicht.

Am 2. April 1992 übernahm Waltraud Sebastian den ehemaligen Konsum und machte sich selbständig. Erfahrung im Handel hatte sie schon genug, denn die gelernte Bankkaufrau war seit 1971 in dieser Branche tätig. Angefangen habe sie mit zwei Mitarbeitern, erinnert sich die Bernitterin. Zwölf Jahre habe sie die beschäftigen können. „Anfangs hatten wir so viel Arbeit. Wir wussten gar nicht, was wir zuerst machen sollten. Wir sind nicht einmal dazu gekommen, die neuen Ware auszupacken“, sagt die Chefin. Im Laufe der Jahre wurde es dann immer weniger. Doch viele ihrer Stammkunden haben Waltraud Sebastian über all die Jahre die Treue gehalten. „Dafür danke ich ihnen von ganzem Herzen“, sagt sie und muss sich die eine oder andere Träne verdrücken.

Die Bernitterin war für viele im Dorf mehr als nur eine Verkäuferin. „Wenn jemand Sorgen und Probleme hatte, kam er zu mir“, sagt Waltraud Sebastian. Gerade für ihre zahlreichen Stammkunden war sie eine enge Vertraute, ihr Geschäft die Anlaufstelle Nummer eins. Doch was nun? „Viele fragen, wo können wir jetzt hin und mal einen Snack halten“, sagt Waltraud Sebastian. Allein der Gedanke daran löst bei ihr große Traurigkeit aus. Sie war einfach mit vollem Herzen dabei. In den 21 Jahren ihrer Selbständigkeit leistete sie sich gerade einmal zehn Tage Urlaub. In dieser Zeit stellte sie dann eine Vertretung ein und scheute keine Kosten. „Ich wollte nicht, dass der Laden zu ist“, sagt die Bernitterin.

Doch heute schließt sich die Tür vielleicht für immer. „Für die Gemeinde ist das sehr schlecht. Darunter leidet die Versorgung, gerade für die älteren Menschen“, sagt Erhard Finck. Allein schon das ausgiebige Frühstück und der morgendliche Kaffee werden wohl nicht nur ihren Kunden fehlen. Im Geschäft von Waltraud Sebastian gab es fast alles, vom Schnürsenkel bis zum Kotelett. Auch die Poststelle war unter ihrem Dach. Zu Spitzenzeiten benötigte sie 200 Quadratmeter Verkaufsfläche, zum Schluss waren es die Hälfte. Die Schließung sei ein großer Einschnitt für die Stammgäste, deshalb suchen Erhard Finck und auch Waltraud Sebastian händeringend nach einem Nachfolger. Ein Aus würde auch bedeuten, dass der letzte Einkaufsmarkt aus einem Dorf unserer Region verschwindet und somit eine Ära zu Ende geht.

Doch bei aller Tradition, Waltraud Sebastian hat sich ihre Rente mehr als verdient. Sie war in ihrem Leben nur einen Tag arbeitslos. „Das war der 1. April 1992“, erinnert sie sich. Irgendwann müsse halt auch mal Schluss sein, wenngleich sie sich mit dem Gedanken nur schwer anfreunden könne, schließlich bestimmte ihr Geschäft über zwei Jahrzehnte ihren Alltag. Für die Zukunft wünscht sich Waltraud Sebastian nur eines: „Dass ich gesund bleibe.“ Sie will schließlich die freie Zeit nutzen, um sich mehr für ihre Familie zu kümmern.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen