Bützow : Für wen machst du das?

Vielschichtig ist das Werk von Wolfgang Severin-Iben. Ab morgen sind viele Arbeiten von ihm im Kunsthaus zu sehen.
Vielschichtig ist das Werk von Wolfgang Severin-Iben. Ab morgen sind viele Arbeiten von ihm im Kunsthaus zu sehen.

Gedanken von Wolfgang Severin-Iben über ein dunkles Kapitel Bützower Geschichte, Teil 1 von 3

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01. März 2019, 19:10 Uhr

Das ist so lang her. Das interessiert doch niemanden. Kümmer dich doch um deinen eigenen Kram. Solche Sätze werden mir häufig entgegengebracht, begleitet von fast mitleidsvollen Gesichtern, verständnisvoll, spöttisch, aber auch hilflos irgendwie. Da ist diese eine Seite von tiefsten Schwarz im Buch geschichtlicher Ereignisse in unserer Stadt. Wer kann, soll da etwas ablesen, erkennbar machen, in diesen bodenlosen Sumpf? Die Toten können es, denn sie sind da, als bei Baggerarbeiten auf Bützower und Steinhäger Wiesenland im Spätsommer 1989, während der Verlegung einer Heiztrasse über den Rand des Bützower Friedhofes Skelettreste mit durchschossenem Hinterkopf gefunden wurden. Die Arbeiten vor Ort sind vorerst eingestellt. Ich war zufällig dort und habe Dinge gesehen, die mich nun seit fast 30 Jahren begleiten, die ich nicht loswerden kann und will.

Ein Massengrab, vielfacher gewaltsamer Tod, so geschehen zu Friedenszeiten nach dem Zweiten Weltkrieg. Polizei, Staatssicherheit, städtische Parteifunktionäre erschienen. Man hat Instruktionen der russischen Militäradministration erhalten. Absolutes Stillschweigen gegenüber der vorgefundenen Situation wurde verordnet und eingehalten über viele Jahrzehnte. Trotzdem wird hinter vorgehaltener Hand hier und da etwas nach draußen gelangt sein. Was war geschehen?

Im August 1945 meldet der völlig verzweifelte Bützower Bürgermeister Plambeck dem Landrat in Güstrow, dass er es als unmöglich ansieht, weitere „Umsiedler“, Vertriebene, in seinem Verwaltungsbereich unterzubringen. Die Antwort des Landrats genügt sich in schärfster Zurechtweisung des Bützower Bürgermeisters. Infolge der besonderen Notlage benötigen Flüchtlinge und „Umsiedler“ höchste Priorität. Man müsse davon ausgehen, dass mit einer Vervierfachung der Friedenseinwohnerzahl zu rechnen sei und das, obwohl der jetzige Zustand nach Plambecks Ausführung an einheimischen Einwohnern 12 362, Flüchtlinge und „Umsiedler“ 12 505, russischer Zivilarbeiter 2000, Wlassow-Soldaten 7000, Bewachungspersonal und Stäbe für die Zivilarbeiter und Wlassow-Soldaten, noch einmal 2000 beträgt. Nur wenig später ist Plambeck kein Bürgermeister mehr, wohl auch aus dem Bützower Sichtfeld verschwunden.

Über die verhängnisvolle Situation in Bützow berichtet der Historiker Manfred Wille in seiner Dokumentation (herausgegeben im Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1999) über die Vertriebenen in der Sowjetischen Besatzungszone. Zwei Jahre nach der Wende steht eine kurze Notiz in der Bützower Zeitung. Der Aufruf an die Bützower Bürger, die etwas gehört oder gesehen haben, was Gegenwart oder Schicksal der in Bützow internierten Wlassow-Soldaten betrifft, verlief ins Leere. Niemand meldete sich bei den Initiatoren Klaus-Dieter Rosenberg oder Wolfgang Severin-Iben. Freund Rosenberg, Museologe mit ordentlichem Abschluss in Leipzig, war längst aus dem Bützower Museum vertrieben worden, wegen Beleidigung der ruhmreichen Befreier der Roten Armee sowie der Verunglimpfung der DDR. Rosenberg ist nach Schwerin verzogen, wo er als kirchlicher Mitarbeiter eine haltbare Schutzzone hat.

Nebenbei: Das hiesige Museum sollte sich doch mal mit dem Schicksal ihres ehemaligen, mutigen Mitarbeiters beschäftigen.

Ich arbeitete weiter, habe sie längst zu einem Schwerpunkt in meinem Schaffen, auch schreibend und malend, gemacht, die Wlassow-Soldaten.

Die Wlassow-Soldaten kämpften in der Roten Armee gegen die Wehrmacht, die in ihr Land eingefallen war. Der russische General Andrej Wlassow kapitulierte 1941 am Wolchow vor der Wehrmacht, begab sich in Gefangenschaft und bot sich den Deutschen zum gemeinsamen Kampf für ein freies Russland gegen Stalin an. Wlassow sah sich in den deutschen Gefangenenlagern um und warb unter den gefangenen Rotarmisten für seine „ROA“, die russische Befreiungsarmee.

Zum Ende des Krieges hin begaben sich die Kämpfer der ROA zu großen Teilen in englische Gefangenschaft. So taten es auch die Regimenter der Kosaken vom Don, Terek und Kuban unter dem Kommando des deutschen Generals Helmut von Pannwitz. Die Engländer versprachen den Gefangenen, wobei die Kosaken zum Teil ihre Familien bei sich hatten, Schutz und Loyalität. Allein im Machtgeplänkel der Sieger blieb ein solches Versprechen bedeutungslos. Die Gefangenen wurden an Stalin ausgeliefert und verschwanden in den Gulags der Sowjets. (Fortsetzung folgt)




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