Wünschewagen : Interview mit einer Pastorin: Der Tod als Konstante

Symbolträchtig: Mit dem Entzünden von Kerzen gedenkt Pastorin Johanna Levetzow Verstorbenen.
Symbolträchtig: Mit dem Entzünden von Kerzen gedenkt Pastorin Johanna Levetzow Verstorbenen.

Pastorin Johanna Levetzow plädiert dafür, dass Sterben wieder als Teil des Lebens betrachtet wird

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29. November 2019, 20:00 Uhr

Seit Februar 2016 ist Johanna Levetzow in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Bützow tätig. Seit dem Ende des Probedienstes als Pastorin. Mit ihren jungen 35 Jahren hat die gebürtige Rerikerin bereits vielfach Kontakt zum Tod und dem Sterben gehabt, beides gehört zu ihrem beruflichen Alltag. Mit der Wünschewagen-Aktion rücken SVZ und der Arbeiter-Samariter-Bund Sterbende in den Fokus. Aber welchen Stellenwert hat der Tod eigentlich im Leben? Darüber sprach Redakteur Christian Jäger mit der Pastorin.

Was bedeutet Ihnen der Tod?
Als Pastorin habe ich viel mit dem Tod, dem Sterben, Verstorbenen und Angehörigen von Verstorbenen zu tun. Das ist ein großer Teil meines Berufs. In verschiedenen Facetten. Ich führe zum Beispiel Trauerfeiern durch. Für die spreche ich im Vorfeld mit den Angehörigen über das Leben des Verstorbenen. Auch die Sterbebegleitung gehört zu den Aufgaben. Manchmal auf der Palliativstation in Bützow, auch bei Menschen zuhause. Aber das kommt immer seltener vor. Die Begleitung der Angehörigen geht auch über den Tod hinaus. Es ist schön, auch über die Trauerfeier hinaus immer noch Punkte zu haben, mit denen man den Tod nicht aus dem Leben verbannt. Viele Menschen, die mit der Kirche nicht mehr so viel zu tun haben, verbinden oft das Amt und die Person des Pastors mit Tod und Sterben. Das ist ganz spannend.

Ist das gut oder schlecht?
Gut! Es ist wichtig, dass es einen Bereich gibt, in dem man über Tod und Sterben reden darf und kann. Denn viele Untersuchungen zeigen, dass der Tod immer mehr aus dem Leben verbannt wird. Menschen sterben heute weniger zuhause, sondern mehr in Pflegeheimen oder Krankenhäusern. Der Tod wird wegrationalisiert, je moderner es wird. Deshalb ist es wichtig, dass es Orte gibt im gesellschaftlichen Leben, an denen man sich nicht nur im Privaten, sondern auch öffentlich mit dem Sterben befasst. Und die Kirche kann so ein Ort sein.

Wenn Sie permanent vom Tod umgeben sind, fürchten Sie ihn noch? Wird er vielleicht sogar normal?
Normal wird er nie. Was normal ist und vielleicht etwas Entlastendes haben kann, ist, dass der Tod uns alle betrifft. Wir kommen alle nicht an ihm vorbei. Der Tod ist eine grundmenschliche Konstante. Und trotzdem ist es immer wieder schwer in Häuser zu gehen, in dem gerade ein Mensch gestorben ist oder Familien zu begleiten, in der die Trauer noch unmittelbar ist. Das lässt mich nie kalt. Das ist aber auch gut so.

Kann man den Umgang mit dem Tod erlernen?
Man lernt es in der Theorie und übt die Praxis im Vikariat, so weit es eben geht. Dadurch bekommt man Sachen an die Hand, die helfen können. Aber jede Situation ist anders. Jede Familie ist anders, jeder Sterbende ist anders. Deswegen ist es immer wieder eine individuelle Situation, auf die man sich als Pastor einstellen muss. Aber es gibt auch Begleitungen für Pastoren, die Supervision. Das kann man in Anspruch nehmen – und das mache ich auch.

Also nehmen Sie den Tod nie mit nach Hause?

Meine eigene Einstellung zum Tod hat sich verändert, seit ich Pastorin bin. Vielleicht ist es dadurch leichter geworden, mit dem Tod umzugehen. Denn ich habe auch schon viel Hoffnung erlebt. Zum Beispiel Sterbende, die getröstet und im Guten gehen. Sterbende geben auch ganz viel zurück an die Hinterbliebenen. Ich höre auch häufig von Schwestern aus der Palliativstation, dass ihnen monatelang beispielsweise ein Satz im Kopf bleibt, den jemand Sterbendes gesagt hat. Und so geht mir das auch. Ich erlebe so viel Hoffnung, dass ich daraus Stärke und Kraft ziehen kann. Auch biblische Texte und christliche Traditionen halten einen unheimlichen Schatz an Trost und Hoffnung bereit.

Hat sich die Einstellung der Menschen zum Tod geändert?
Wie wir Menschen verschieden sind, so ist auch die Einstellung zum Tod verschieden. Was wir alle haben, ist die Furcht, nicht zu wissen, was danach ist. Ich bin auf Menschen getroffen, die damit hadern. Auf Menschen, die sterben wollen, es aber nicht können. Auf Menschen, die große Angst davor haben und sich ans Leben klammern. Und ich finde alles verständlich. Richtig und falsch gibt es beim Tod nicht. Aber da sich der Tod zunehmend aus den Familien entfernt, wächst die Scheu sich damit zu befassen. Ich sehe es als Aufgabe der Kirchen, den Menschen die eigene Endlichkeit in Erinnerung zu rufen. Es ist um des Lebens willen wichtig, sich mit dem Tod zu befassen. Luther hat geschrieben, dass wir eine neue Sprache lernen müssen, um über den Tod zu reden. Ein Abschnitt, der 500 Jahre alt ist und noch heute aktuell klingt.

>> Hier finden Sie weitere Informationen zum Wünschewagen

Wünschewagen: So können Sie helfen

Der Arbeiter-Samariter-Bund erfüllt mit dem Wünschewagen Menschen jeden Alters ihren letzten Wunsch: Noch einmal das Meer sehen. Dorthin fahren, wo man die Liebe seines Lebens kennen gelernt hat. Ein letztes Mal mit der Familie Kaffee trinken… Damit diese Wünsche wahr werden können, braucht das Projekt finanzielle Unterstützung.

ASB-Landesverband MV e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE82 1002 0500 0001 4951 00, Stichwort „Medienkooperation Wünschewagen“

ASB-LV Brandenburg e.V.
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Wunschanmeldungen:
www.wuenschewagen-mv.de
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