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Bützower Zeitung

17. Dezember 2017 | 10:50 Uhr

Baumgarten : 6000 Kilometer mit 3 PS

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Kai Mielsch und sein Sohn Sascha fahren mit einer Kutsche bis ans Schwarze Meer und zurück. Die Weltenbummler haben bei Familie Fratzke in Baumgarten Halt gemacht.

In einem Taxi nach Paris? Das kann jeder. Aber mit einer Kutsche vom kleinen Dörfchen Wisch im Landkreis Plön bei Kiel ans Schwarze Meer, das kann nicht jeder – und es traut sich auch nicht jeder. Kai Mielsch und Sohnemann Sascha schon. Sie sind vor knapp einer Woche aus dem Norden Deutschlands gestartet, wollen Polen, die Slowakei, Ungarn und Serbien durchqueren und schließlich in Bulgarien am Schwarzen Meer ankommen. Vater und Sohn machten bei Familie Fratzke in Baumgarten Halt.

Zuvor weilten die 55- und 19-Jährigen in Warin. Dort sah sie Jörg Fratzke und sprach die beiden an. Von der Persönlichkeit angetan – und als Pferdefreunde ohnehin verbunden – lud der Baumgartener die Reisenden zu sich ein, wo sie von Donnerstag auf Freitag übernachteten. „Wir haben schon viele gastfreundliche Menschen erlebt“, sagt Kai Mielsch. „Aber Familie Fratzke übersteigt alles.“ Die Pferde konnten auf die Weide, Vater und Sohn konnten sich duschen und baden, bekamen herzhafte Mahlzeiten – und am Ende auch neue Freunde.

Der Stopp in Baumgarten war der achte auf einer langen Reise. Wo der nächste sein wird? Das wusste Kai Mielsch selbst nicht. Er wollte es auch gar nicht wissen. Er zückte sein Smartphone, öffnete eine Navigations-App und überflog die Namen der umliegenden Orte. „Boldebuck. Klingt interessant.“ Ob es wirklich nach Boldebuck geht, konnte er aber nicht sagen. Fest stand nur, dass er am Ende der Blumenstraße links abbiegen wollte. Und fest stand ebenfalls, dass es gen Osten gehen soll, also dem großen Ziel entgegen.

Genau das, also nicht alles geplant zu haben, mache den Reiz dieser Unternehmung aus. Es soll von Dorf zu Dorf gehen, spontan und der Nase nach. Auf Höfen wird nach einer Übernachtungsmöglichkeit gefragt. „So muss ich auf die Leute zugehen, bin regelrecht dazu gezwungen. Das ist alles viel natürlicher.“ Das Miteinander der Menschen sei nämlich verloren gegangen. Zur Not wird übrigens einfach in der Kutsche geschlafen.

Kai Mielsch erfüllt sich mit der Reise einen Jugendtraum. Ursprünglich wollte er mal eine Motorradreise quer durch die Sowjetunion machen, aber die Russen hätten ihn nicht gelassen. Vor zehn Jahren habe er dann die Pferde für sich entdeckt und als Leidenschaft gewonnen. „Nun erfülle ich meinen Traum mit Pferden und Kutsche.“ Daheim betreut er Pferde auf einem Hof. Drei hat er nun, samt seinen beiden Hunden, mitgenommen. Sie sind sein Motor. Und wenn eins mal keine Lust mehr hat, wird es hinten befestigt und kann mittraben. Bislang waren die Etappen 15 bis 20 Kilometer lang, die weitesten werden 40 betragen. Strecken, die für die Pferde zumutbar seien. Und wenn die Pferde nicht mehr wollen, Kai Mielsch merkt das sofort, wird eben ein Halt eingelegt. „Man muss die ja bei Laune halten.“

Er könne guten Gewissens reisen, sagt der 55-Jährige. Die Familie stehe in Lohn und Brot und sei derweil in das Haus gezogen. Die Familie unterstütze die Reise. „Ich war drei Tage weg, da fand die erste Party im ganzen Haus statt“, erzählt Kai Mielsch mit einem Lächeln.

Immer an seiner Seite ist sein autistischer Sohn Sascha. Kai Mielsch ist seine Bezugsperson. Solange er in der Nähe ist, ist alles in Ordnung. Das einzige Problem sei es, wenn der Sohnemann auf Toilette müsse. Das seien Autisten unter freiem Himmel nicht gewohnt. Den Sohn an der Seite zu haben, hat übrigens noch einen weiteren Vorteil: „Ich bin nicht so allein.“ Außerdem rede der 55-Jährige gern und viel, so gibt es einen Zuhörer.

Ob Kai Mielsch auf der Rückreise, die übrigens durch den Kosovo, Bosnien-Herzogowina, Kroatien, die Slowakei, Österreich und vielleicht Tschechien führen soll, wieder in Baumgarten Halt macht, ist noch offen. Er würde es zumindest gern, da er die Fratzkes direkt ins Herz geschlossen hat. Auch die Menschen der Region haben es ihm angetan. „Seit ich in Mecklenburg-Vorpommern bin, treffe ich nur freundliche und nette Menschen.“ Die Anteilnahme der Mecklenburger sei grandios. Er habe auch schon andere Menschen erlebt.

Wo Kai und Sascha Mielsch jetzt gerade in diesem Moment sind, wissen nur die beiden. Und vielleicht die Familie, denn die eigens dafür umgebaute Kutsche ist technisch ausgestattet, um den Kontakt nicht zu verlieren. Denn die veranschlagten zwölf Monate für die Reise, die in etwa 6000 Kilometer betragen wird, können sehr lang werden.

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