Häftlingstreffen Bützow : 3. Oktober: Nur ein freier Tag?

Widmeten sich einer kritischen Würdigung der deutschen Einheit: Christhard Läpple, Lena Gürtler und Michael Seidel.   Fotos: Nicole Groth
1 von 3
Foto: Nicole Groth

Zum Auftakt der Veranstaltung sprachen die Journalisten Christhard Läpple und Michael Seidel im Rathaus über die deutsche Einheit

svz.de von
27. September 2015, 19:36 Uhr

„Die deutsche Einheit – Ein längerer Prozess“ – unter diesem Titel findet das diesjährige Häftlingstreffen in Bützow statt. Die dreitägige Veranstaltung ist ein Forum zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Den Auftakt dazu gab gestern ein moderiertes Gespräch unter dem Titel „Eine kritische Würdigung der deutschen Einheit“. Die Gesprächspartner waren die Journalisten Christhard Läpple (ZDF) und Michael Seidel (SVZ-Chefredakteur). Die Moderation übernahm Lena Gürtler vom NDR.

Vor dem eigentlichen Programmpunkt des Tages nutzen  Veranstalter die Chance, das Wort an das anwesende Publikum zu richten. Frederic Werner, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung für das Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern , betonte, dass in dieser langjährigen Prozessphase die Vergangenheit nicht vergessen werden darf. „Was vor 25 Jahren unrecht war, ist auch heute noch unrecht“, sagt Werner. Der Bützower Bürgermeister, Christian Grüschow (parteilos), zog in seiner Begrüßungsrede eine Parallele zur der aktuellen Flüchtlingsthematik. „Auch zu Zeiten der DDR gab es Flüchtlingsströme. Es wäre ein  undenkbares Szenario gewesen, hätte der Westen die Flüchtlinge der DDR nicht willkommen geheißen“, sagt der Bürgermeister.

Mit dem 9. November 1989 verbinden viele Menschen ein bestimmtes Erlebnis. Noch heute können sie sich daran erinnern, wo sie an diesem Tag waren und was sie gemacht haben – ob im Osten oder im Westen Deutschlands. Doch schwierig wird es, sich zurückzuerinnern, an den 3. Oktober 1990 – den Verwaltungsakt zur deutschen Einheit. „Ich dachte nur: Nun ist es mit der DDR wirklich vorbei“, sagte Seidel. Er begann seine journalistische Ausbildung in der DDR. Sein berufliches Ziel,  Politik transparent zu machen, musste er schnell ad Acta legen. „In diesem Sinne bin ich sehr glücklich, nach der Wende meinen beruflichen Traum leben zu können“, sagt Seidel.

Der Unterschied des Journalismus zwischen West und  Ost sei auch heute noch in Teilen präsent. So kritisierte Seidel  die medial genutzten Vorurteile und Klischees gegenüber den neuen Bundesländern. Auf die Frage, ob  Etappen des Einheitsprozesses ausgemacht werden können, äußerte Seidel, dass es eine Phase der Annäherung an den Westen und eine berufliche Professionalisierung auch im Journalismus gab.  „Dennoch sind wir  noch nicht da, wo wir hinsollten. Es gibt immer noch  Redakteure, die denken, sie seien das Sprachrohr von Bürgermeister und Landrat“, sagte Seidel.

Der entscheidende Punkt des Prozesses sei der Generationenwechsel, so Läpple. „Mittlerweile gibt es 19 Millionen Menschen in Deutschland, die die Teilung nicht miterlebt haben. Für die junge Generation ist die DDR fremd“, sagt Läpple. Es bestehe kein Interesse mehr, sich mit der Thematik intensiv auseinanderzusetzen. „Auch im Journalismus ist die Thematik  25 Jahre Einheit nur  ein Pflichtprogramm. Es heißt, der Ost-Westkonflikt sei kein Thema mehr“, so Läpple weiter. Die Journalisten sind sich einig, dass die deutsche Einheit nicht nur ein Ostthema sei. Es sei ein deutsches Thema. „Doch für die Menschen von Hamburg bis München ist der 3. Oktober nur ein freier Tag“, sagt Läpple. 

Zu den weiteren Programmpunkten des Veranstaltungstages gehörte  der Vortrag „Unter welchen Voraussetzungen ist Vergebung und Versöhnung möglich?“ von Prof. Dr. Anja Mihr. Den Abschluss des Tages bildete die Literarische Lesung mit Regina Scheer. In ihrem Buch „Machandel“ beschäftigt sie sich mit der deutschen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen