DDR-Ausstellung : 17. Juni kehrt zurück in Tarnows Kirche

Fred Mrotzeck hielt einen Vortrag zum 17. Juni 1953 in der Tarnower Kirche.
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Fred Mrotzeck hielt einen Vortrag zum 17. Juni 1953 in der Tarnower Kirche.

Die Tarnower Ausstellung "Wir wollen freie Menschen sein! Der DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953" verarbeitet die Geschichte des Ereignisses mit seinem Verlauf sowie all seinen Konsequenzen.

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24. Mai 2013, 10:09 Uhr

Tarnow | "Solch einen Aufstand hatte es bis dato noch nicht gegeben", sagt Heinrich Mauck. Der Tarnower steht vor einer der 20 Tafeln der Ausstellung "Wir wollen freie Menschen sein! Der DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953" der Bundesstiftung Aufarbeitung, die derzeit in der Kirche des Ortes zu sehen sind. Auf den Plakaten wird die Geschichte des Volksaufstandes mit seinem Verlauf sowie den Konsequenzen geschildert. Für die Ausstellung wurden 130 Fotos und Dokumente aus 25 Archiven ausgewählt. "Ich hatte den Aufruf von Eckhardt Rehberg in der Zeitung zu dieser Ausstellung gelesen und zum Hörer gegriffen, um sie hierher zu holen", erzählt Pastor Siegfried Rau bei der Eröffnung, bei der der CDU-Politiker anwesend war. Bereits im vergangenen Jahr habe es eine Ausstellung zur Berliner Mauer in der Kirche gegeben, die immer wieder Menschen ins Gotteshaus lockte.

Aus Interesse an der Geschichte betrachtet Reinhard Burmeister die Plakate mit den historischen Fotos, alten Zeitungsausschnitten und erläuternden Texten. "In der Schule wurde ja ganz was anderes erzählt, unter anderem das der Aufstand eine gestreute Sache des imperialistischen Feindes gewesen sein soll", erinnert sich der Tarnower. Die Wahrheit sei ihnen damals nicht erzählt worden, fügt er hinzu. Einen tieferen Einblick in das Entstehen, den Verlauf und die Konsequenzen des Aufstandes lieferte bei der Ausstellungseröffnung Fred Mrotzeck, Historiker in der Universität Rostock. "Zunächst war es der Versuch einer demokratischen Willensbekundung, bei der sich Arbeiter gegen den Sozialismus wehrten", sagt Mrotzeck. Sie forderten unter anderem mehr Lohn und soziale Veränderungen sowie das Herstellen der nationalen Einheit. Was als sozialer Protest begann schlug binnen weniger Stunden in eine politische Manifestation nach Freiheit, Demokratie und der Forderung nach der nationalen Einheit um. Die Demonstration wurde schließlich durch den Einsatz von sowjetischen Panzern niedergeschlagen. "Es war ein Volksaufstand mit nationalen Dimensionen", sagt der Historiker. Fraglich sei bis heute, wie sich die Ereignisse in der ganzen DDR innerhalb weniger Tage verbreiten konnten. "Wir vermuten, dass es durch Mund-zu-Mund-Propaganda von so genannten Reisearbeitern geschehen ist und teilweise auch durch das Radio", sagt Mrotzeck.

Auch Heinrich Mauck hat erst einige Tage nach dem Ereignis von dem Aufstand erfahren. Hier habe man das Ereignis aber gar nicht so recht wahrgenommen, sagt Reinhard Burmeister. Der 79-jährigen Heinrich Mauck hoffte nach der Nachricht des Volksaufstandes, dass sich in der damals noch sehr jungen DDR etwas ändern wird.

Doch wie Fred Mrotzeck in seinen Ausführungen müssen solche Menschen wie Heinrich Mauck in der Zeit danach jäh enttäuscht worden sein. "Dieser Aufstand hat die DDR-Spaltung vertieft und der Sicherheitsapparat wurde ausgebaut", nennt Fred Mrotzeck einige Folgen. Auch Repressionen, Verhaftungen und sogar Tote habe es gegeben. "Es wurden aber auch mehr Mittel für die Versorgung der DDR-Bevölkerung bereitgestellt und die Reparationszahlungen an die Sowjetunion abgeschafft", sagt der Wissenschaftler.

Neben erwachsenen Gästen hörten seinem Vortrag auch der Elftklässler Henning Burmeister und der Achtklässler Hannes Burmeister aufmerksam zu. "Von älteren Leuten hört man meist nur gute Sachen über die DDR, beispielsweise, dass das Schulessen nur 50 Pfennig gekostet hat", sagt Henning. Durch solch eine Ausstellung kann man Dinge kritisch betrachten. Sie beide seien an dem Thema interessiert gewesen und wollten zudem den Vortrag des Wissenschaftlers hören. Siegfried Rau würde sich freuen, wenn sowohl Jugendliche als auch Erwachsene den Weg zur Exposition finden. "Wenn sich nur ein einziger Mensch die Ausstellung anguckt und sich die Situation der damaligen Menschen vergegenwärtigt und dann heute lebt, wofür die Menschen damals gekämpft haben, nämlich demokratische Verantwortung zu übernehmen, dann hat sich die Ausstellung gelohnt", sagt Pastor Siegfried Rau. Sie ist bis zum 30. Juni zu sehen. Die Kirche ist täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

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