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Bernitt Zwei Damen auf der Walz

Von Lennart Stahlberg | 15.03.2018, 05:00 Uhr

Drei Jahre und einen Tag gehen sie auf Wanderschaft und erleben ihre eigenen Abenteuer – und eines davon gerade in Bernitt

Sie dürfen sich für drei Jahre und einen Tag ihrem Heimatort nicht weniger als 50 Kilometer nähern. Das ist ihre Bannmeile, so will es die Tradition. Vor zwei Jahren hat Anna „fremde freireisende Buchbinderin“ ihre Heimatstadt in Österreich verlassen, Anne „fremde freireisende Tischlerin und Köchin“ ihren in Sachsen vor eineinhalb Jahren.

Mit fünf Euro in den Taschen zogen sie los. Mit ebenso viel Geld sollen sie anschließend zurückkommen. Am Ortsausgang verbuddelten die Wandergesellen eine Flasche Schnaps. Gleichzeitig legten sie auch ihre früheren Nachnamen ab. Von da an nennen sie sich entweder beim Vornamen oder mit ihrer Berufsbezeichnung. „Das fremde freireisende bedeutet, dass wir keinem Schacht angehören“, sagen sie. Diese Vereinigungen von Wandergesellen seien ihnen teilweise zu durchstrukturiert. Auf Pflichttermine, sagen sie, hätten sie keine Lust.

Wenn der Hund nicht mehr bellt, geht man

Anne und Anna halten sich an die Richtlinie, nie länger als drei Monate am Stück irgendwo zu bleiben. „Wenn der Nachbarhund nicht mehr bellt, ist es Zeit weiterzureisen“, sagt Anna. Jeder der beiden Wandergesellen hat seinen eigenen Reisestil, so sagen sie. Deswegen werden sie sich auch in den nächsten Wochen wieder trennen. Aber ohnehin: Jeder soll seine eigene Reise machen. Während Anne es sich am liebsten in warmen Unterkünften gemütlich macht, schläft Anna vornehmlich im Freien. Der Winter sei zwar immer etwas anstrengender, doch irgendwo komme man immer unter.

Momentan sind die beiden freireisenden Gesellen auf einer Baustelle in Bernitt tätig, bauen die Spielgeräte für den neuen Spielplatz der Elterninitiative. Noch laufen die Baggerarbeiten. Doch ab dem 19. März beginnt die Bauwoche und zu den beiden wird sich eine Schar ihrer Kameraden gesellen und mitanpacken. „Es gibt viel zu organisieren. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren“, sagen sie.

Noch bereiten sie die Unterkünfte im Sportlerheim, im Pfarrhaus und im Gemeindezentrum in Bernitt vor. Geplant ist auch ein großes Abschlussfest mit DJ und Festzelt.

Kommunikation über Buschfunk

Dass auch genug Wandergesellen kommen, dafür sorgen Anne und Anna nicht per Kurznachricht vom Handy, sondern über kleine Zettelchen und Mundpropaganda. „Wir sind gut vernetzt, auch ohne Handy“, sagt Anna. Sie hatte nie ein gutes Verhältnis zu ihrem Handy. Dass diese auf Wanderschaft nicht erlaubt sind, störe sie nicht weiter, auch wenn sie zu Anfang ein gewisses Phantomvibrieren in der Hosentasche gespürt habe. Trotzdem sei es eine große Umstellung gewesen, als sie die Wanderschaft begonnen haben, geben die Freireisenden zu. „Auf einmal muss man, egal in welcher Verfassung man ist, auf Menschen zugehen. Zudem fällt man natürlich durch seine Kleidung auf“, erklärt Anne.

Beinahe jedes Kleidungsstück hat eine Bedeutung. Die acht Knöpfe an der Weste stehen für acht Stunden Arbeit pro Tag, die sechs Knöpfe an der Jacke für sechs Tage Arbeit in der Woche und die drei am Ärmel für drei Jahre Ausbildung und Wanderschaft. Jeder der Wandergesellen trägt auch einen Ohrring am linken Ohr. „Mit dem konnte man früher seine Beerdigung bezahlen, wenn man auf Wanderschaft starb. Früher war es zwar etwas gefährlicher als heute, dennoch tragen wir immer noch die Ohrringe“, berichtet Anne. Daher komme auch der Begriff „Schlitzohr“. Einem nicht zünftigen und löblichen Gesellen habe man den Ohrring rausgerissen.

Wie es im Anschluss an die Bauwoche in Bernitt weitergehe, wissen Anna und Anne noch nicht. Alles ist möglich, die Reise ein großes Abenteuer. „Wenn man eine Linie unserer bisherigen Route auf der Landkarte zeichnen müsste, wäre das ziemlich wirr“, sagen sie und grinsen. Selbst nach Südamerika hat es Anna schon verschlagen. Und da kannte man sowas wie Wandergesellen noch gar nicht.