Provinzposse in Selmsdorf : Bürgermeister sitzt im Heizungsraum

Neben einer Heizungsanlage hat Selmsdorf Bürgermeister Detlef Hitzigrat nun sein Büro. Im Keller aber gibt es weder ein Fenster, noch ein Telefon geschweige denn einen Internetanschluss. Steffen Oldörp
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Neben einer Heizungsanlage hat Selmsdorf Bürgermeister Detlef Hitzigrat nun sein Büro. Im Keller aber gibt es weder ein Fenster, noch ein Telefon geschweige denn einen Internetanschluss. Steffen Oldörp

Die Gemeinde Selmsdorf zählt zu den reichsten im Land. Für ihren Bürgermeister haben die Gemeindevertreter aber offenbar nicht viel übrig. Er musste sein Büro räumen und in den Keller ziehen.

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15. November 2010, 08:17 Uhr

Nordwestmecklenburg | Selmsdorf ist um eine Provinzposse reicher. Die Gemeinde in Nordwestmecklenburg zählt zu den reichsten im Land. Sechs Millionen Euro betragen die Rücklagen dank der Deponie Ihlenberg. Für ihren Bürgermeister haben die Gemeindevertreter aber offenbar nicht viel übrig. Er musste sein Büro räumen und in den Keller ziehen.

An den Türen des Gemeindehauses kleben Schilder mit der Aufschrift: "Büro Bürgermeister im Keller." Detlef Hitzigrat musste mit seinen sieben Sachen in den Heizungskeller ziehen. Die Tür seines neuen Büros ist zu. Zeigen will er es nicht. Und schon gar nicht fotografiert werden. Zum Beispiel am Schreibtisch. "Das ist mir peinlich." Denn in seinem Büro gibt es kein Fenster, kein Telefon- und keinen Internetanschluss. Dafür aber niedrige Decken und eine laut brummende Heizungsanlage. "Das ist eine Entscheidung, die getroffen worden ist. Und die habe ich als Bürgermeister zu akzeptieren. Wenn die Mehrheit der Gemeindevertreter das so will", sagt Hitzigrat.

Der sonst so redselige Bürgermeister wirkt ratlos, faltet die Hände, ist fast sprachlos. "Tja, was soll ich machen." Gegen den Beschluss, sein Büro zu räumen, hat Hitzigrat zwei Mal Widerspruch eingelegt. Allerdings ohne Erfolg. Die Gemeindevertreter der SPD, CDU und der Wählergemeinschaft pro Selmsdorf haben so entschieden. Detlef Lüth von der Wählergemeinschaft Bürger für Selmsdorf (BfS) war dagegen. "Für uns als Gemeinde Selmsdorf ist es ein Armutszeugnis, dass unser Bürgermeister sein Büro im Keller hat. Es kann nicht sein, dass für den Bürgermeister kein Platz ist. Jetzt sitzt er zwischen einer großen Heizungsanlage. Das ist eine Frechheit." Gemeindevertreter Willi Mühlenberg spricht sogar von Mobbing gegenüber Hitzigrat. "Also ich kann es nicht verstehen, dass man den Bürgermeister, obwohl die Gemeinde über so viel Geld verfügt, aus seinem Büro schmeißt und in den Keller setzt."

Sein altes Büro musste Hitzigrat räumen, weil dort bis Ende des Jahres eine Bibliothek einziehen soll - für immerhin 40 000 Euro. Viele Einwohner können die Entscheidung der Gemeindevertreter nicht verstehen. "Das ist hirnverbrannter Kram. Die sind ja bescheuert", schimpft ein Rentner. Der Mann neben ihm schüttelt mit dem Kopf: "Also ich kann das nicht nachvollziehen. Welcher Bürgermeister sitzt schon in einem Keller. Das ist ja wohl, also wirklich...."

Nach der Arbeitsstättenverordnung darf Hitzigrat sein Büro eigentlich nicht im Keller haben. Zu gefährlich, sagt Gemeindevertreter Detlef Lüth. "Wir als Gemeinde sind auch für die Sicherheit unserer Angestellten und somit auch für die Sicherheit unseres Bürgermeisters verantwortlich. Es kann ja auch mal ein Heizungsrohr platzen."

Bis Dezember muss Detlef Hitzigrat wohl noch im Keller bleiben. Erst dann treffen sich die Gemeindevertreter wieder. Und dann soll auch über den Ort des neuen Bürgermeisterbüros entschieden werden. So lange müssen die Einwohner zur Bürgermeistersprechstunde nach Schönberg fahren - ins Amt Schönberger Land. In seinem Büro im Heizungskeller empfängt Hitzigrat niemanden mehr. Inzwischen meldeten sich Journalisten aus ganz Deutschland beim ihm. Insgesamt habe er mehr als 80 Anfragen von Zei tungen und Fernsehsendernt, sagt Hitzigrat.

Es ist nicht die erste Selmsdorfer Provinzposse. In den vergangenen Jahren hatte Hitzigrat immer wieder selbst für Kopfschütteln gesorgt: Vor mehr als zwei Jahren ließ er das Teschower Feuerwehrgerätehaus aufbrechen und fuhr in einer Blitzaktion das Feuerwehrauto nach Selmsdorf. DieOrtswehr war zuvor per Beschluss der Gemeindevertreter aufgelöst worden.

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